Die Zahlen sind auch in diesem Jahr wieder zum Fürchten: Bis zu 765 000 Jugendliche werden sich 1985 um eine Lehrstelle bemühen, kaum weniger als im Vorjahr. Über zweihunderttausend davon sind noch nicht unterbracht, Die erhoffte Entspannung läßt also noch auf sich warten. Wie viele junge Leute vergeblich nach einem Ausbildungsplatz suchen, wird von der Bereitschaft und Fähigkeit der Wirtschaft abhängen, ihren eigenen Rekord von 1984 einzustellen oder gar noch einmal zu überbieten.

706 000 Jungen und Mädchen fanden im vergangenen Jahr schließlich eine Lehrstelle – ein Ergebnis, das noch zu Beginn des Jahres kaum jemand zu prophezeien gewagt hätte. Denn noch in jedem Jahr haben die Wirtschaftsverbände erklärt, daß nun nahezu alle Ausbildungskapazitäten erschöpft seien – um dann doch im nächsten Jahr wieder einen neuen Rekord zu melden. Auf diese Art haben Handel, Handwerk und Industrie die Zahl der gewerblichen Ausbildungsplätze trotz der langanhaltenden Wirtschaftsmisere innerhalb eines Jahrzehnts nahezu verdoppelt und so dazu beigetragen, daß aus der krisenhaften Situation am Lehrstellenmarkt keine Katastrophe wurde.

Noch ist diese Gefahr allerdings nicht gebannt. Trotz aller Bemühungen bleiben Jahr für Jahr einige zehntausend Jugendliche ohne Chance, andere müssen sich mit Ausbildungsplätzen zufriedengeben, die nicht ihren Berufswünschen entsprechen und sie oftmals nur sehr mangelhaft auf die Herausforderungen der Zukunft vorbereiten. Die Bereitschaft, Jugendliche auszubilden, ist zudem nicht in allen Unternehmen gleich stark ausgeprägt. Auch heute noch sind viele nicht bereit, sich an der „Schlacht um die Zukunft“ zu beteiligen. Die Zahl der Firmen, die überhaupt keine Ausbildungsplätze zur Verfügung stellen, ist trotz aller Appelle von Verbänden, Politikern und Gewerkschaftern immer noch erschreckend hoch. Aber auch im Kreis der Betriebe, die sich dieser Aufgabe stellen, gibt es frappierende Unterschiede.

Wie eine Untersuchung der ZEIT zeigt, schwankt selbst bei den Unternehmen, die zu den hundert umsatzstärksten Konzernen der Bundesrepublik zählen, die Ausbildungsquote – das Verhältnis zwischen der Zahl der Beschäftigten insgesamt zu der der „Azubis“ – zwischen 11,5 und 1,7 Prozent. Dabei muß freilich berücksichtigt werden, daß bei Dienstleistungsunternehmen wie den Banken keine speziellen Lehrwerkstätten eingerichtet werden müssen und die Ausbildung zu einem großen Teil auch schon Mitarbeit im Büro oder am Schalter bedeutet. Und ein Unternehmen wie Reemtsma, das in dieser Tabelle als Schlußlicht erscheint, hat anläßlich seines 75jährigen Jubiläums die Mittel für hundert zusätzliche Ausbildungsplätze in anderen Firmen und bei der Bundeswehr gestiftet, wo im Gegensatz zu Reemtsma noch freie Kapazitäten verfügbar sind, aber kein Geld für diesen Zweck vorhanden ist.

Auffallend bleibt dennoch, wie groß die Unterschiede in der Ausbildungsintensität oft auch zwischen Unternehmen der gleichen Branche sind. Während beispielsweise Daimler eine Ausbildungsquote von 5,45 Prozent vorweisen kann, bringen es Opel und Ford nicht einmal auf drei Prozent. Und unter den gewerkschaftsnahen Firmen glänzt zwar die co op mit 11,3 Prozent, die Neue Heimat dagegen liegt ebenfalls unter drei.

Wenn die Gewerkschaften nach einer nochmaligen Erhöhung der Ausbildungskapazitäten rufen, dann haben sie allen Grund, dabei im eigenen Verantwortungsbereich mit gutem Beispiel voran zu gehen. Aber auch diejenigen unter den Unternehmern, die sich bisher allen Appellen an ihre politische und ökonomische Verantwortung angesichts der Jugendarbeitslosigkeit verschlossen zeigten oder deren Betrieb im Vergleich zu anderen Firmen noch eine viel zu geringe Ausbildungsquote vorzuweisen hat, sollten noch einmal sehr sorgfältig prüfen, ob sie wirklich ihre Ausbildungskapazitäten schon voll ausgeschöpft haben. Die vorliegende Tabelle gibt jedem die Möglichkeit, die eigene Leistung richtig einzuordnen.

Michael Jungblut