Zum dritten Mal veranstalten die "Berliner Festspiele" ihr "Festival der Weltkulturen". "Horizonte ’85" soll uns, nach Afrika (1979) und Lateinamerika (1982), den Blick öffnen für das, was die Veranstalter schlicht "die Region Ostasien/Südostasien" nennen.

Vom 7. bis zum 30. Juni sind in Berlin Künstler und Gelehrte aus China, Japan, Korea und Indonesien zu Gast. Zwei Augen und Ohren schaffen es nicht, die Fülle von Ausstellungen, Konzerten, Theater- und Filmaufführungen, Dichterlesungen aufzunehmen.

Über die große Ausstellung "Palastmuseum Peking: Schätze aus der Verbotenen Stadt" haben wir wiederholt berichtet (ZEITmagazin Nr. 20 vom 10. Mai und Nr. 23 vom 31. Mai). Hier nun ein Bericht über das Literaturprogramm des "Horizonte"-Festivals, sinnvollerweise kombiniert mit dem kritischen Blick auf eine zu diesem Termin von einem der verantwortlichen Mitveranstalter herausgegebene Anthologie chinesischer Lyrik der Moderne. Denn wenn es zur Begegnung des deutschen Lesers mit ostasiatischer Literatur kommen soll, kann sie sich nur mit einem Buch in der Hand ereignen, nicht in noch so schönen oder exotischen Dichter-Vorführungen.

Gerade an der Präsentation der ausländischen Gäste setzt aber heftige Kritik ein, auch der eingeladenen Schriftsteller selber. Berlin, das sich so gern als Weltstadt darbietet, das diesem Teil seiner Festspiele einen pompösen Titel gibt: "Horizonte – Festival der Weltkulturen"‚ hat sich der "Region Ostasien/Südostasien" eher als Provinz vorgestellt.

Kann es anders sein? Die Vorstellung einer "Weltkultur" nach dem Kalender – alle drei Jahre ist eine "Weltkultur" "dran" – ist ja seiber nicht ohne einen Hauch von Provinzialität. Wenn Interesse für eine solche "Weltkultur" da wäre, erübrigten sich ausschweifende "Festivals" zu ihrer Propagierung.

So schön und wichtig und richtig es ist, daß Kultur und Literatur bekannt gemacht wird, die außerhalb unseres Kulturkreises entsteht –: muß es so sein, daß jahrelang nichts oder nur wenig geschieht, auf den Termin aber eine Flut von Veranstaltungen und Büchern über uns hereinbricht, der auch der (lern)willigste nicht gewachsen ist? Man kann nur hoffen, daß diesem "Horizonte"-Festival nicht, wie den früheren, jene Erschöpfung folgt, die von "Weltkultur" erst einmal nichts mehr wissen will.

Es ist bezeichnend für unseren Kulturbetrieb, daß die Impulse der bisherigen "Horizonte"-Festivals (außer von einigen großen) vor allem von kleineren Verlagen aufgenommen wurden. So ist es jetzt schon bei der Literatur der "Region Ostasien/Südostasien". Unbemerkt selbst von Interessenten geben vier jüngere Wissenschaftler seit einem Jahr eine kleine Literaturzeitschrift heraus, die halbjährlich erscheint und der chinesischen, japanischen und koreanischen Literatur gewidmet ist. Ausdrücklich wenden sich die von Wolf Baus, Volker Klöpsch, Wolfgang Schamoni und Roland Schneider herausgegebenen Hefte für ostasiatische Literatur nicht an den kleinen akademischen Zirkel, sondern an den interessierten Leser. Die Zeitschrift stellt, in Übersetzungen, ältere und neuere Literatur vor. In einem "Werkstatt"-Teil werden Probleme der Übertragung erörtert. Das Einzelheft, mehr als 120 Seiten, kostet 9, das Jahresabonnement 16 Mark. (Bestelladresse: Wolf Baus, Auf dem Backenberg 13, 4630 Bochum.)

Das programmatische Vorwort der Herausgeber zum ersten ihrer Hefte schließt mit einer Geschichte: "Bei dem chinesischen Philosophen Zhuangzi findet sich die Parabel vom Brunnenfroscn, der mit dem Leben in seinem engen Loch vollauf zufrieden ist. Den ostasiatischen Literaturen gegenüber sind wir alle Brunnenfrösche. Zhuangzi läßt die Meeresschildkröte dem Brunnenfrosch von den ,Freuden des Ostmeeres’ erzählen und fährt fort: ‚Als der Frosch vom alten Brunnen das hörte, da erschrak er sehr und verlor vor Überraschung fast das Bewußtsein." R. M.