• "Die Nacht": Sechs Stunden Klassikerkultur und deutsche Qualen mit Syberberg • "Die letzte Jagd": James Masons letzter, großartiger Auftritt • "Kopfüber in die Nacht": Anarchischer Slapstick aus Hollywoods Untergrund

Der Film "Die Nacht" von Hans-Jürgen Syherberg dauert sechs Stunden, und das ist wirklich eine lange Zeit. Aber man macht, durch gelegentliche Halbschlafintervalle erfrischt, tapfer mit. Daß man das überhaupt tut, spricht schon fast für diesen Film. Er bleibt im Gedächtnis haften – trotz der Widerstände, die sich von Anfang an im Zuschauer gegen seinen hohen und vielleicht hohlen Anspruch bilden, gegen die wohltönende Unverständlichkeit, die er über weite Strecken zelebriert, gegen seinen Rigorismus, der zwischen Großartigkeit und Humbug pendelt.

Keine Handlung hilft durch diese "Nacht"; es geschieht rein gar nichts, was sich mit der üblichen Vorstellung von Kino verbindet. Keine Figuren, keine Beziehungen, keine Schauplätze, keine Geschichten, keine Gespräche, keine Taten – nicht im herkömmlichen Sinn.

Nur ein Mensch: eine gewaltig redende und deklamierende Frau, die zu allem, was sie sagt, ein Ornament aus Gesten produziert. Diese Frau ist die Theaterschauspielerin Edith Clever, bekannt von der Berliner Schaubühne, wo sie einer der Stars des Peter Stein war. Sie allein bestreitet diesen Film, sechs Stunden lang muß sie mit ihrer Stimme, ihrem Gesicht, ihrem Körper und mit der dramatischen Arbeit ihrer Augen und Hände die Aufmerksamkeit des Zuschauers wachhalten. Das ist viel verlangt. Denn sie trägt einen Marathon-Monolog vor, der von Platon bis Heidegger, von Hölderlin bis leider zu Syberberg selber reicht; ein Sammelsurium hoher, höchster Sprach- und Denkschätze, untermischt mit Syberbergs trivialen Klagen.

Edith Clevers lange Rede besitzt hintergründige Zusammenhänge, eine artistische und esoterische Struktur, aber in der Summe spricht sie eine nach Syberbergs Willen einfache und deutliche Botschaft: Die "Ganzheit" einer Kultur, eines Kosmos, eines Mythos, einer Kunst soll beschworen werden, wie zum letztenmal, die verlorengegangene Ganzheit Deutschlands und Europas, wiederhergestellt in Klassikertönen.

Damit hat sich Syberberg, der früher mit filmischen Gesamtkunstwerken über Karl May, Parsifal und Hitler hervorgetreten ist und in Frankreich, England und Amerika einen der vorderen Plätze als deutscher Kultregisseur einnimmt, selbst übertroffen. Endlich ist es ihm gelungen, sich als Deutscher zu verwirklichen. Den Deutschen zeichnet es aus, daß er nach Höherem, dem Höchsten strebt, bekennt er freimütig.

Das Kino aber ist das Niedere, und ebenso der Realismus, den Syberberg einst mit einer gewissen Meisterschaft beherrscht hat. Sein "Nacht"-Film ist ein Widerstandswerk gegen das Kino, wobei "Kino" auch als Metapher zu verstehen ist für unsere in Syberbergs Augen zur "Plastikzeit" verkommenen Gegenwart. Und die "Nacht" ist eine Metapher für jene andere Welt, die Rettung bietet vor unserer Tagwelt, die Syberberg in seinem Film als Orkus der Umweltzerstörung und der Wald- und Kulturvernichtung anklagt: In der Nacht kehren wir, meint Syberberg, zurück zu den Alten, zu Goethe und Bach, zur Einheit und zu den Müttern, ins Herz der Kunst.