Du kennst dich doch mit Büchern aus, was soll ich denn im Urlaub lesen? Na ja, sage ich ohne allzu großen Enthusiasmus, Dostojewski zum Beispiel, nicht schlecht, oder Fontane. Auch Italo Svevo gefällt jetzt allgemein. Oder lies "Unter dem Vulkan" von Malcolm Lowry, ein starkes Stück.

Nein, so sei das nicht gemeint, was Neues, jetzt Geschriebenes Wolle er in den Strandkorb mitnehmen. Gut, sage ich, Italo Calvino, Walker Percy sind für Kopf und Herz ein Genuß. Oder, wenn es etwas Geläufiges sein soll: Umberto Eco. Gefällt mir zwar nicht, wird aber sehr geschätzt. Und, fragt er zögernd, lauernd, nichts Deutsches? Muß das sein? denke ich und antworte ungeduldig und laut: "Süskind".

Hat er schon. Hat ja jeder. Gut geschrieben, spannend, aber irgendwie nicht das Richtige. Hat er gelesen und schon fast vergessen. Da kommen gar keine richtigen Menschen vor, statt dessen lauter Monster.

Er sucht etwas einerseits Spannendes, andererseits ihn Anrührendes, ein Buch, das nach dem Lesen noch im Kopf herumgeht, mit dem man sich noch ein paar Tage oder gar Wochen unterhält, auseinandersetzt, ein Buch, das nicht gleich in den Orkus des Kopfes hineinverschwindet, dorthin, wo die Bilder aus tausend Fernsehserien und hundert mäßigen Büchern aufeinandergestapelt sind, unzugängliche, auf ewig verlorene und zu Recht verlorene Bruchstücke folgenloser Vergnügungen.

"Ein Buch muß die Axt sein für das gefrorene Meer in uns", sagt Kafka. Wo ist die Axt? Gleicht nicht der größte Teil der deutschen Gegenwartsliteratur einer Laubsäge? Nun gut, auch mit einer Laubsäge, wenn sonst nichts da ist, käme man durchs Eis. Aber, wichtiger noch, wo ist das gefrorene Meer in uns? Sind da nicht allenfalls trübe Tümpel, mit farbig schillernden Ölflecken darauf? Tümpel, in denen der bunte Schrott der tagtäglichen massenhaften Bilderproduktion tagtäglich versinkt. Was nützte uns da eine Axt? Da wäre eine Abwässerreinigungsanlage mit biologischer Abbaustufe viel richtiger. Was sollen da Bücher uns helfen, Bücher, in denen einer sein Leid, erlitten für viele, kunstvoll und vergeblich darstellt.

Also ist es weder gescheit noch hilfreich, mit diesem gewaltigen Kafka-Wort auf die gegenwärtige Literatur einzuschlagen. Ja, der große Roman, der wie ein schwerer Stein in diesen Tümpel fiele, ist nicht da. Er kommt vielleicht alle zehn Jahre einmal. Aber wir, die wir im hektischen Rhythmus der Frühjahrs- und Herbstmode leben, heute in Gelb und Grau, morgen in Rosa und Weiß gekleidet, erwarten von den Schriftstellern, daß sie uns Neues liefern, als handele es sich um die neuen Modelle der Automobilfirmen. Dabei haben wir das Alte noch gar nicht ausgelesen. Ungehobene Schätze liegen in jeder Bibliothek.

In einem Gespräch über Bücher sagte neulich eine Freundin: Das meiste, was jetzt so erscheine, sei doch völlig entbehrlich. Welch ein tückisches, gefährliches Wort. Entbehrlich ist alles, was wir nicht dringend benötigen. Ob wir von den vielen Büchern, die jetzt im Herbst erscheinen werden, auch nur eines dringend benötigen? Wahrscheinlich nicht. Aber auch wenn jedes einzelne entbehrlich sein mag, alle zusammen sind sie unentbehrlich. Auch wenn der große Wurf fehlen und Mittelmaß die Szene beherrschen wird, alle zusammen bilden sie die Literatur, sorgen sie dafür, daß der Faden nicht reißt und die phantastische Bibliothek des Erdachten, Erlebten, Erlogenen, Erlittenen wächst und wächst.

Hofmannsthal zitiert in seinem "Gespräch über Gedichte" Stefan George: "Komm in den totgesagten Park und schau: / Der Schimmer ferner lächelnder Gestade, / Der reinen Wolken unverhofftes Blau / Erhellt die Weiher und die bunten Pfade." Der totgesagte Park der Literatur: in ihm haben alle, die schreiben, ihr Recht. Und Hoffmannsthal spricht am Ende von diesem seltenen Wunder, das immer wieder geschieht: "Daß es Zusammenstellungen von Worten gibt, aus welchen, wie der Funke aus dem geschlagenen dunklen Stein, die Landschaften der Seele hervorbrechen..." Ulrich Greiner