Die eine war, vaterlos, schon früh von ihrer Mutter in Knabenkleidung gesteckt worden, schließlich auf der Reise nach Westindien unter die Piraten gefallen und hatte sich denen angeschlossen. Die andere hatte die feine höfische Gesellschaft satt, ließ sich in ihrer Frustration von einem Piratenkapitän entführen, zog sich selber die Männerhosen an, um sich auf einem Kaperschiff zu emanzipieren. Nun stehen die beiden Mannweiber voreinander – und können halt doch nicht aus ihrem Geschlecht heraus: Wechselseitig verliebt in den "schönen Burschen", entdecken sie die Wahrheit – und verschwören sich gegen die Dreimalsatten und Neunmalfrommen, gegen das Gesetz, den Himmel und ein Leben nach dem Tod: "Jetzt oder nie" wollen sie das Leben leben, und sie singen es dreistrophig mit angejazzten Triolen.

Aber, so lehrt uns das Stück, Gott läßt seiner nicht spotten – die irdische Gerechtigkeit hat den längeren und stärkeren Arm: Die gefangenen Piraten müssen an den Galgen. Nur die Mannweiber sind eben doch Frauen geblieben: Als Schwangere haben sie ein Recht, bis zur Niederkunft vor dem Tod durch den Strang bewahrt zu bleiben.

Nicht "Oper", sondern "Großes Spektakel in drei dramatisch-musikalischen Kapiteln" nennen der Komponist Niels Frederic Hoffmann und sein Librettist Bernhard Laux ihre musikalische Moritat "Die Piratinnen", die jetzt (im Rahmen der zum zweitenmal gefeierten "Lübecker Musiktage") ihre Uraufführung erlebte. Jetzt oder nie, mögen die beiden sich gedacht haben, jetzt oder nie werden wir dem Opernpublikum einmal zeigen, was eine Harke ist, wie man also ein junges, ein modernes, lebendiges, unbekümmert freches Musiktheater macht.

Die Schubladen sind voll: Historische Akten und Texte von Daniel Defoe für das Erfinden einer Fabel, der Knittelvers für die Form eines Librettos; für den Komponisten das barocke Concerto grosso und der Schmelz Giacomo Puccinis, der Gregorianische Choral und der "Zigeunerbaron", der Song von Kurt Weill und die Quartentechnik von Paul Hindemith, die Repetitionstechnik der Minimalisten und die Cluster von Ligeti, Henzes lyrische Linien und die Geräusch-Farben der Elektroniker. Das muß, jetzt oder nie, eine bunte Collage ergeben.

Natürlich wird sich dieses Spektakel als Ironie, als Satire, als moralischer Appell hinter der vorgehaltenen Kunsthand verstanden wissen wollen – wer es nicht (so) begreift, ist selber schuld.

Oder sind wir vorbeigegangen an jenem wichtigen Erstling eines neuen, jungen, so ganz anderen Operntheaters, das in seiner sinnhaften Sinnlosigkeit, freundlichen Brutalität, liebenswerten Oberflächlichkeit, tiefen Gedankenlosigkeit, engagierten Flapsigkeit zeigt, was die junge Generation der Wegwerfgesellschaft uns zu verkünden hat? Das musikalisch in seiner flinken Parodie diverser Verfahren, mannigfacher Stile, erfolgreicher Techniken und unterschiedlicher Verfahren einen vielfaltigen, wenngleich auch kaum mehr differenzierbaren Einheits-Lärm als E-Pendant zur Pop- und Rock-Musik-Show präsentiert?

Sollen wir diesem Tun Einhalt gebieten? Sollen wir verlangen, daß Intendanten, Dramaturgen, Generalmusikdirektoren gefälligst die Partitur studieren möchten, bevor sie sie zur Uraufführung annehmen? Was könnte Bernd Alois Zimmermann antworten, dessen "Soldaten" (zunächst) so behandelt (und verkannt) wurden? Was umgekehrt all die vielen, denen solches Glück nie zuteil wurde? Jetzt oder nie, möchte man meinen, bestünde die Chance, die Spreu vom Weizen zu scheiden. Ein bißchen Mut gehört halt schon dazu. Und die Fähigkeit, eine Partitur zu lesen.

Heinz Josef Herbort