ZEIT: Obwohl das RWE eine Genehmigung für den Bau neuer Braunkohlenkraftwerke hat, wird damit noch nicht begonnen. Welche Folgen hat das für die Umwelt?

Farthmann: Die vier neuen Kraftwerksblöcke mit zusammen 2400 Megawatt-Leistung sollen alte Kraftwerke mit insgesamt 2200 Megawatt-Leistung ersetzen. Dies schon weit vor 1993, dem Zeitpunkt, zu dem diese umweltbelastenden Anlagen nach den Bestimmungen der Großfeuerungsanlagen-Verordnung aus dem Verkehr gezogen werden müßten. Wenn sich also der Bau der neuen Blöcke wesentlich verzögert, dann bleiben die Anlagen länger in Betrieb, als es mit dem RWE vereinbart worden ist, und pusten weiterhin ungehindert Schwefeldioxid und Stickoxid in die Luft.

ZEIT: Das RWE begründet sein Zögern damit, daß in dem Genehmigungsbescheid der Ausstoß von Stickoxid auf 200 Milligramm je Kubikmeter Rauchgas begrenzt ist. Man sei nicht sicher, daß dieser Wert einzuhalten sei, weil mit der Entstickung von Braunkohlenkraftwerken Neuland betreten werde und die Versuche mit verschiedenen Verfahren noch nicht abgeschlossen seien.

Farthmann: Diese Begründung ist für mich unverständlich. Als ich noch Arbeitsminister und damit für die Genehmigung von Kraftwerksbauten zuständig war, sollte im Genehmigungsbescheid nicht nur der Wert von 200 Milligramm stehen, sondern zusätzlich festgelegt werden, daß dieser Wert weiter herabzusetzen sei, wenn es der Stand der Technik erlaube. Damals haben die Herren vom RWE gebeten, doch den Wert von 200 Milligramm festzuschreiben, damit sie eine feste Basis hätten. Als ich das zugesagt habe, sind sie hocherfreut von dannen gezogen. Um so überraschter bin ich darüber, daß nun neue Bedenken auftauchen.

ZEIT: Aber was passiert denn, wenn der Grenzwert von 200 Milligramm wirklich nicht eingehalten werden kann?

Farthmann: Niemand kann mehr verlangen, als technisch machbar ist. Wenn nicht weniger als 280 oder 350 Milligramm erreichbar wären, dann müßte man darüber reden.

ZEIT: Erlauben denn die Vereinbarungen zwischen dem Land Nordrhein-Westfalen und dem RWE überhaupt eine zeitliche Verschiebung der Kraftwerksneubauten?