Hamburg: "Dieter Hacker"

Wer Dieter Hackers Bilder unvoreingenommen anschaut und dabei einen Maler der neuen Welle mit einfachen, großflächig und gegenständlich gepinselten Werken, entdeckt, wer sich weiter etwas über den gepflegten Gigantismus, über die eigentümliche Perspektive und auch ein wenig über die schmale Bandbreite der Sujets wundert, tut diesem Künstler unrecht. Denn Hacker steht für eine Biographie, für eine Künstler-Laufbahn. Er, ein Veteran aus der Zeit der 68er Studentenrevolte, machte sich mit seiner 7. Produzentengalerie in Berlin einen Namen. Hier nahm er die Nationalgalerie und den russischen Konstruktivismus, auch Beuys aufs Korn, ging an gegen den ganzen Bildungsdünkel und Kulturquatsch und hob dagegen die Kreativität des Durchschnittsmenschen, Volkskunst in mißratenen Schnappschüssen aufs Kunstpodest. Dann, etwa 1978, überkam ihn ganz unprogrammatisch die Lust an der Malerei. Nicht einfach so. Hacker sträubte sich, baute Widerstände auf, malte mit dem Mund, durchkreuzte mit dicken Balken zuvor freudvoll Geschaffenes. Schließlich entdeckte er den Wert der alten, schon abgehalftert gesehenen Malerei. Heute ist ihm die Kunst lieb und wert als letzte Zuflucht des Individualismus in einer funktionalistischen Welt. Predigte er uns einst Entliehenes aus dem historisch-dialektischen Materialismus, so verkündet er heute als revolutionäre Tat das Beharren auf alten Ideen des Humanismus, empfiehlt Malerei als sorgsam gepflegten Anachronismus. Woher kommt nun diese neue Liebe zur Malerei? Hellsichtig hat unser Veteran und Rundum-Kritiker-Theoretiker-und-Künstler die Antwort parat: "Der Wunsch nach Bildern, auf denen Dinge zu sehen sind, die man selbst auch sehen kann, ... die stürmische Gefühle auslösen, diese Wünsche haben die gleiche Quelle wie die, eine saubere Luft zu atmen." Wer hätte sich das nicht denken können? Aber zurück zu den Bildern. Wieland Schmied hat Hacker einen "Maler des Atmosphärischen" genannt. Das stimmt. Gleißend gebündeltes Licht, Gewitterstimmung, das unheivolle Dunkel der Nacht: Einstellungen, mit denen schon bei Hitchcock oder Edgar Wallace Atmosphäre geschaffen wurde, kennzeichnen auch Hackers Bilder. Die "Malhand", eine 60 mal 60 cm große Faust, gemalt in mystischem Blau und verborgen schwelendem Rot, ist von magischem Gleißen umgeben wie das mythische Schwert des König Artus etwa. Ein Lichtstrahl aus unbestimmter himmlischer Quelle trifft in anderen Bildern van Goghs Stuhl und Soutines Haus: die göttliche Erleuchtung des Künstlers – früher schwebten dafür goldgelockte Musen im Bild. Hacker liebt es offenbar, triviale Allegorien in Szene zu setzen. "Rote Erde" heißt ein lang hingelagerter gewaltiger Frauenkörper. Oder "Die Quelle", ebenfalls eine schlafende, archaisch anmutende Frauenfigur, deren Haar der Born ist, aus dem reiches Naß fließt. Natürlich widerspricht das alles nicht Dieter Hackers individueller Künstleropposition in einer gleichmacherischen Gesellschaft. Ganz im Gegenteil: auch die Malerei ist "Teil des kulturellen Entertainments". Und damit hätten wir alles unter einem Hut. (Kunstverein bis zum 7. Juli, Katalog 28 DM.) Elke von Radziewsky

Köln: "Land der Wunder – Italienische Reiseskizzen, Architekturstudien und Veduten des 19. Jahrhunderts aus dem Nachlaß J. I. Hittorf"

Bernini und zusammengedrücktes Coca-Cola-Blech am Fuß der antikischen Kolonnaden – Rom heute. Auch vergangene Jahrhunderte beklagten hie und da etwas "Scheltenswertes und Abgeschmacktes"; Goethe roch Fäkalien: "Vorhöfe der Palazzi, Säulengänge sind alle mit Unrath besudelt ... an öffentlichen Gebäuden läßt sich das Volck sein Recht nicht nehmen." Gleichsam antiseptisch und ungeschmälert in ihrem Anspruch der "edlen Einfalt und stillen Größe" griechischer Kunst im römischen Stein erscheinen Tempel- und Ruinenschönheiten Italiens und der Ewigen Stadt allein auf Bildwiedergaben, wo unter einem "Himmel wie hellblauer Tafft von der Sonne beschienen" (Goethe) Spuren von einst, steinerne Zeugnisse in jener ockerwarmen Farbigkeit wiedererscheinen, die ihnen wohl seinerzeit zukam. Goethes Notiz aus Agrigent, "man findet noch Überreste feinen Tünchs an den Säulen", war dem Architekten und Archäologen Jakob Ignaz Hittorf (1792-1867) Ansporn für seine befehdete Polychromie-Theorie, der farbigen Fassung antiker Plastik und Architektur, die Winckelmanns fast philosophisch gestützter These vom reinen Weiß als Inbegriff des Schönen entgegengesetzt war. Hittorf, in Köln geboren, Zentrum leuchtend-bunter Katholizität, der es in Paris als Stadtplaner, Baumeister und Hofarchitekt für Festdekorationen zu Ruhm brachte (er überstand Revolutionen und Regierungswechsel), erfüllte sich 1822/24 den Lebenstraum Italien, "diese nutzbringende Pilgerfahrt". 215 graphische Blätter (aus einem Konvolut von annähernd 8000 teils noch zu bearbeitenden) belegen die Faszination des Caput mundi, der Kunsthauptstadt der Welt, da der Enthusiasmierte "gegen seinen Willen Tränen vergoß" über Antikendenkmälern, die er "wie lang entbehrte Freunde begrüßte". Reisetagebücher brachte er mit, Genreszenen, die geschönten Wandmalereien der Villa Negroni, Phantasieansichten römischer Monumente, aquarellierte Straßenskizzen, gereinigt von "poesievoller Verwahrlosung", Souvenirgraphik, photographisch-kühle Wiedergaben der Pantheonkapitelle, Tempelfragmente in bukolischer Landschaft mit dem Reisenden im Kapuzencape als winzige Staffage. Vollender von Goethes Wunsch, daß an den Ruinen "kein geschickter Architekt seine Restaurierungsgabe wenigstens auf dem Papier versuchen sollte". Urbane Ästhetik der Frühromantik, hier nun zum Bilderbuch-Elysium gediehen, um die "ewige Gegenwart goldener Zeit" zu beschwören (Tasso). (Wallraf-Richartz-Museum bis zum 21. Juli, Sonderbulletin 5 Mark) Ursula Voß