Ein Blick auf die Literaturen Chinas, Japans, Koreas und – als große Überraschung – Indonesiens

Von Karl-Heinz Ludwig

Tausende von Besuchern strömen in diesen Wochen in den Martin-Gropius-Bau unmittelbar an der Berliner Mauer, um sich vom exotischen Reiz der "Schätze aus der Verbotenen Stadt" bezaubern zu lassen: "Zum ersten Mal", verkündet stolz der Katalog, "stellt das Palastmuseum Peking in Europa aus."

Das Palastmuseum Peking, wohlgemerkt, nicht das Palastmuseum Taibei wo sich heute der weitaus größere und kulturhistorisch bedeutendere Teil der ehemals kaiserlichen Sammlungen befindet, denn China ist – ähnlich wie Deutschland – ein geteiltes Land, dessen Regierungen beide das Alleinvertretungsrecht für sich beanspruchen: Die Ausstellung erweist sich damit als ein kulturpolitisches Instrument der Volksrepublik China zur Legitimierung dieses Anspruchs im Ausland.

Dasselbe gilt für die Literaturveranstaltung, die im Rahmen des "Horizonte-Festivals" vom 17. bis 23. Juni in der Berliner Staatsbibliothek stattfand: Die Volksrepublik China hatte hierzu eine große Delegation entsandt, während kein einziger Autor offiziell die Schriftsteller Taiwans vertrat. Dies ist nicht nur deshalb bedauerlich, weil dadurch ein allzu einseitiges Bild von der zeitgenössischen chinesischen Literatur vermittelt wurde, sondern auch, was noch schwerer wiegt, die seltene Chance ungenützt blieb, chinesische Autoren aus aller Welt miteinander ins Gespräch zu bringen.

Daß ausgerechnet eine Berliner Veranstaltung, anstatt Brücken zu bauen, auf diese Weise die Mauer zwischen den Schriftstellern beider chinesischer Staaten hat hervortreten lassen, enttäuschte vor allem die aus den USA angereisten Autoren Chen Ruoxi (Chen Jo-hsi) und Bai Xianyong.