Von Irene Mayer-List

Am kommenden Montag werden sich die Limousinen aus Frankfurt, Ludwigshafen und Leverkusen vor dem gelben Einfamilienhaus in der Bonner Schumannstraße drängen. Die Vorstandsvorsitzenden der chemischen Industrie – allen voran Wolfgang Hilger von Hoechst, Hans Albers von BASF und Hermann-Josef Strenger von Bayer – treffen sich zur Präsidiumssitzung ihres Verbandes. Neben Routinefragen steht ein besonders unbeliebtes Thema auf dem Programm: Die Umweltminister der Länder wollen, daß sich die Industrie an der Sanierung alter Giftmüllkippen beteiligt – entweder freiwillig oder mit Zwang. Für die Chemiebosse ein persönlicher Affront.

Dabei könnte ein freiwilliges Umweltengagement der Branche helfen, ihr von den Dioxin-Affären der vergangenen Jahre reichlich angekratztes Image aufzupolieren. Bis jetzt leisten nur die Kommunen und Länder Notdienste, wenn aus Müllkippen aus der Zeit vor 1977, als Umweltbewußtsein und -gesetze noch nicht so streng waren, Industriegifte ins Grundwasser sickern und die verantwortlichen Firmen – was häufig vorkommt – nicht mehr auszumachen sind oder man ihnen die Schuld im streng rechtlichen Sinne nicht nachweisen kann. Die Behörden decken dabei Sünden auf, die oft bis zu hundert Jahre zurückliegen. Inzwischen schätzen sie, daß in den nächsten zehn Jahren rund tausend bis zweitausend verdächtige ehemalige Kiesgruben, und aufgeschüttete Tümpel untersucht und überwacht und vielleicht vierhundert dann auch saniert werden müssen. Die Kosten: drei bis fünf Milliarden Mark.

Eine Industriebeteiligung von jährlich 100 bis 130 Millionen Mark würde ausreichen, um die alten Chemiehalden gemeinsam mit dem Staat zu reparieren, rechnet der Hamburger Umwelt-Staatsrat Fritz Vahrenholt vor. Nicht viel, bedenke man, daß allein die Chemiewerbung jedes Jahr drei Milliarden Mark verschlinge. Ein Teil der Spenden könnte sogar durch Laborleistungen und technische Beratung abgegolten werden. Selbst branchenintern wird zugegeben, daß die Industrie leicht die Summen lockermachen könnte.

Doch so sehr deutsche Unternehmer immer wieder nach mehr Marktwirtschaft und weniger Gesetzen in der deutschen Umweltpolitik rufen, wenn es dann tatsächlich um freiwillige Leistungen geht, halten sie sich dezent zurück. Ähnlich wie Kraftwerksmanager und Automobilunternehmen bei der Luftreinhaltung oder Getränkeindustrie und -handel bei der Unterstützung des Pfandsystems können sich jetzt auch die rund 1600 Unternehmen des Chemieverbandes, die schon seit mehreren Monaten über freiwillige Spenden diskutieren, zu gemeinsamen Handlungen nicht durchringen. Lieber nehmen einige Firmen staatliche Abgaben hin, als sich ohne Zwang für das Branchenimage zu engagieren.

So soll zum Beispiel Hans Albers, als zukünftiger Vorsitzender des Chemieverbandes und Vorstandschef von BASF von großem Einfluß, unter seinen Kollegen kräftig gegen den freiwilligen Fonds wettern. Sein Umweltbeauftragter Hans Georg Peine meint: „Die Schaffung eines Altlastenfonds halten wir für wenig dienlich.“ Branchenkenner glauben zu wissen warum: BASF hat weit früher als die Konkurrenz den eigenen Giftmüll teuer und nach modernsten Verfahren entsorgt. Nun wollen die Ludwigshafener nicht auch noch dafür zahlen, daß nachlässigere Unternehmen wie Hoechst und Boehringer Ingelheim ihren Müll weit kostengünstiger auf öffentlichen Deponien abluden.

Ähnlich sehen Großunternehmen, die schon eigene Altdeponien saniert haben, keinen Grund, für den öffentlich abgelagerten Müll ihrer kleineren Konkurrenten oder gar der Metallbranche bluten zu müssen. Es gäbe „Schwierigkeiten bei der industrieinternen Abwicklung“, nennt der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) in einem internen Papier vornehm die Querelen.