Falsche Begriffe schleichen sich ein, wenn das Selbstverständliche nicht mehr selbstverständlich ist

Politiker und Journalisten gebrauchen gern pompöse Attribute, wenn sie einer Sache Gewicht verleihen wollen. Jüngst konnte man lesen und hören, die Rede des Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker zum 8. Mai sei eine "mutige" Rede gewesen. Und der Rücktritt des Pressesprechers Boenisch drücke eine "noble" Haltung aus, die Respekt verdiene. Bitteschön: Was an der Rede war mutig? Was an dem Rücktritt nobel?

Der Bundespräsident hat am 8. Mai nicht um den heißen Brei herumgeredet. Als er von den Polen sprach, die in Ostpreußen oder in Pommern eine Heimat gefunden haben – "auf vielen alten Friedhöfen im Osten finden sich heute schon mehr polnische als deutsche Gräber" –, hat er uns ganz schlicht die Wahrheit gesagt. Hätte er dies unterlassen, hätte er sich in leere Formeln geflüchtet, wäre das weltweite Echo ausgeblieben, doch ihm wäre das Wohlwollen der Dreggers und Hupkas sicher gewesen. Nur – was scheren sie ihn?

Dieser Kommentar oder jener Artikel war "mutig", heißt es oft, wenn Journalisten etwas Ungewöhnliches, etwas aus dem Rahmen fallendes gesagt oder geschrieben haben. Mutig? Offenbar hat sich noch nicht herumgesprochen, daß die Zensur längst abgeschafft ist und die Königsthrone abgeräumt sind. Wir leben auch nicht in der DDR. Mut ist bei uns wohlfeil zu haben. Dennoch wird er allenthalben ausgezeichnet. Noch nie gab es so viele Preise und Ehrungen, die das Selbstverständliche prämieren.

Aber offenbar ist das Selbstverständliche noch lange nicht selbstverständlich. Bürgertugenden werden zwar gelehrt und beschworen, aber Allgemeingut sind sie nicht. Es ist bequemer, nicht aufzufallen. Dies ist natürlich falsch. Unser Gemeinwesen lebt vom Engagement der einzelnen, von ihrer Bereitschaft, ja zu sagen oder auch nein. Dazu gehört kein Mut. Es erfordert aber eine andere Tugend, ein Fremdwort in unserer Sprache: Zivilcourage.

Zivilcourage bedeutet vieles: Standfest sein und aufrichtig, sich selbst treu bleiben, Inkaufnehmen, auch mal im Abseits zu stehen.

Denn dem couragierten Bürger kann blühen, daß andere über ihn die Nase rümpfen; die Harmonie ist hin, er sieht sich plötzlich als Außenseiter. Die Soziologen würden sagen, die Gesellschaft sanktioniert sein Tun, weil er sich nicht konform verhalten hat. So wie jener Obrist, der sich weigerte, den Befehl des Großen Friedrich auszuführen, mit seinem Regiment das Schloß Hubertusburg zu plündern. Die Ordre sei für einen preußischen Offizier unwürdig, ließ er seinen König wissen; Der schikanierte und entließ ihn schließlich. Auf seinem Grabstein im Märkischen steht: "Er sah Friedrichs Heldenzeit und kämpfte mit ihm in all seinen Kriegen. Wählte Ungnade, wo Gehorsam nicht Ehre brachte."