In Ohio konnte ein Reaktorunfall à la Harrisburg gerade noch verhindert werden

Noch am 29. Juni waren vier der fünf Herren der amerikanischen Nuclear Regulatory Commission (NRC) ganz zuversichtlich. Mit nur einer Gegenstimme erteilte das fünfköpfige Gremium an diesem Tag erneut eine Betriebsgenehmigung für den Block I des Three-Mile-Island-Kernkraftwerks in Harrisburg (Pennsylvania). Er war im März 1979 stillgelegt worden, nachdem es im Block II des gleichen Kraftwerks zum bisher schwersten Unfall in der Geschichte der friedlichen Nutzung der Kernenergie gekommen war. Es „bestehe nun vernünftige Gewißheit“, so kommentierte die NRC ihre Entscheidung, daß Block I sicher betrieben werden könne. Am 11. Juni sollte die Genehmigung wirksam werden.

Doch in der Nacht zum 9. Juni wurde die Zuversicht der NRC jäh zerstört: Um 1.40 Uhr morgens meldete das von der Toledo Edison Company betriebene Davis-Besse-Kernkraftwerk in Oak Harbor (Ohio) ein „ungewöhnliches Ereignis“. In diese Kategorie fallen die am wenigsten gefährlichen, aber dennoch meldepflichtigen Zwischenfälle in amerikanischen Kernkraftwerken. Doch als die fünf Herren der NRC den Bericht aus Ohio lasen, dachten sie zunächst, jemand habe sich einen üblen Scherz erlaubt, und den Bericht über den Unfall in Harrisburg abgeschrieben.

Folgendes war passiert: Um 1.40 Uhr fallen die zwei Kühlwasserpumpen für den Primärkreislauf des Druckwasserreaktors aus. Es kommt zu einer Schnellabschaltung. Gleichzeitig springen die Hilfspumpen an. Sie versagen jedoch nach wenigen Minuten ebenfalls. Obwohl die Abschaltung die Kettenreaktion im Reaktor unterbricht, produziert das spaltbare Material im Reaktorkern wie erwartet – durch den radioaktiven Zerfall sehr viel Wärme. Da die Pumpen nicht arbeiten, wird die Wärme über das Kühlwasser nicht abgeführt.

Statt dessen beginnt das Kühlwasser zu kochen, es verdampft. Dadurch steigt der Druck im Reaktor rapide an. Daraufhin öffnet sich ein Überdruckventil – der Reaktor läßt Dampf ab. Wenn der Druck dann wieder seinen Sollwert erreicht, soll dieses Ventil automatisch schließen. Doch es klemmt. Durch die Öffnung verdampft immer mehr Wasser, der Reaktor droht trocken zu werden.

Ein aufmerksamer Angestellter in der Schaltwarte merkt jedoch nach wenigen Minuten, daß das Ventil nicht richtig schließt. Er gibt manuell erneut den Schließbefehl und wirft die Hilfspumpen wieder an. Diesmal funktioniert es. Nach sieben Stunden ist der Reaktor wieder im Normalzustand.

Soweit der Hergang in Ohio. Offenbar ist es dem Mann in der Schaltwarte zu verdanken, daß keine Radioaktivität frei wurde und keine Schäden am Reaktor entstanden. Diesen aufmerksamen Reaktoroperator gab es im März 1979 in Harrisburg nicht. Nachdem ebenfalls Pumpen, ausfielen, Hilfspumpen versagten und das Ventil klemmte, entwich damals stundenlang radioaktiver Dampf aus dem Druckbehälter. Der Reaktor lief wirklich trocken und schmolz teilweise zusammen.