Yonas machte klar, daß es sich bei SDI zunächst nur um ein Forschungsprogramm handelt: "Wir wollen künftigen Präsidenten und Abgeordneten eine Entscheidungshilfe geben, ob ein Raketenabwehrsystem im Weltraum überhaupt technisch möglich ist." Wenig später meinte der Chefwissenschaftler allerdings, "wir betreiben das Programm, um einmal Technik als Hebel für politische Entscheidungen nutzen zu können". Wenn SDI nämlich funktioniere, dann wäre es eine große Stimulanz für echte Abrüstungsgespräche. Doch soweit ist es noch lange nicht.

Mehrere Milliarden Sensoren

Die wichtigste Forschungsaufgabe sieht Yonas auf dem Gebiet der Sensoren. Der Start feindlicher Raketen muß früh genug erkannt und die Flugbahn der Geschosse schnell und exakt berechnet werden. Ein Netz von Frühwarnsatelliten in verschiedenen Erdumlaufbahnen soll die Sowjetunion ständig mit Infrarotsensoren, Kameras und Radar überwachen. Für Yonas kommt es vor allem auf die Exaktheit der Infrarotsensoren an. Sie messen die enorme Wärmestrahlung der Raketentriebwerke beim Start. Das Problem: Im Falle eines Atomkrieges könnten die Sowjets bis zu tausend Interkontinentalraketen gleichzeitig starten.

Die Sensoren müßten jede einzelne Rakete während ihrer wenige Minuten dauernden Startphase genau verfolgen, damit ein Computer ihre Flugbahn berechnen kann. Eine solche hohe Auflösung kann nur mit den sogenannten Brennebenen-Antennen erreicht werden. Bei dieser Technik befindet sich nicht nur ein Sensor im Brennpunkt eines Fernrohres. Vielmehr sind – heutiger Stand der Technik – mehrere tausend Sensoren in der Brennebene verteilt. Yonas: "Wir werden wahrscheinlich zehn Millionen Sensoren auf einmal in der Brennebene unterbringen müssen."

Für ein komplett ausgerüstetes Frühwarnsatelliten-System würden somit mehrere Milliarden Sensoren gebraucht. Deshalb müßten Wege gefunden werden, diese kleinen Chips – ähnlich den heutigen Computerbausteinen – billig in Massenproduktion herzustellen. Dazu ist die amerikanische Industrie noch lange nicht in der Lage. Außerdem müßten die Infrarotsensoren ständig gleichmäßig gekühlt werden, da sie sonst auch die Wärmestrahlung des Frühwarnsatelliten selbst registrieren würden. Yonas: "Wir werden langlebige Kühlsysteme für die Brennebenen-Antennen entwickeln müssen" – bislang völliges technisches Neuland.

Selbst wenn die Sensoren jemals perfekt arbeiten sollten: Die enormen Datenmengen der Milliarden von Sensoren müssen in Echtzeit, also sofort, verarbeitet werden, damit sich die Flugbahnen der feindlichen Raketen rechtzeitig berechnen und die Abwehrwaffen auf ihre Ziele einstellen lassen. In die Entwicklung der Computer und ihrer Programme fließen lediglich zehn Prozent der SDI-Gelder – ein anscheinend kleiner Anteil. Doch diese Zahl täuscht. Die Forschungsabteilung des amerikanischen Verteidigungsministeriums – kurz Darpa – hat 1984 ein "Strategisches Computer-Projekt" gestartet, mit dem die Entwicklung der Rechenmaschinen (Hardware) und der umfangreichen Programme (Software) für SDI vorangetrieben werden soll. Darpa wird in den nächsten fünf Jahren 600 Millionen Dollar für das Projekt bereitstellen. Diese Mittel unterliegen – im Gegensatz zum Star-Wars-Geld – nicht mehr der Kontrolle des Kongresses.

Die Schlagworte beim Strategischen Computer-Projekt heißen "Künstliche Intelligenz" und "Computer der 5. Generation". Die neuen Rechenmaschinen werden noch schneller als heutige Supercomputer sein und viel mehr Daten verarbeiten können. Es sollen "intelligente" Maschinen sein, die selbst Entscheidungen treffen – etwa, ob und wie sich angreifende Raketen vernichten lassen. Selbst viele Militärs fühlen sich allerdings nicht wohl bei dem Gedanken, Computern die Entscheidung zu überlassen.