Von Hans-Otto Eglau

Zu einer ungewöhnlichen Aktion schwärmten Vermittler des Arbeitsamtes Stuttgart in den letzten Monaten in alle Himmelsrichtungen aus. Bei ihren Kollegen in 48 Ämtern, vornehmlich in Krisengebieten von Leer in Ostfriesland über Saarbrücken bis Coburg am Zonenrand, hoben sie an die tausend stellungslose Metall-Facharbeiter aus. Die Auftraggeber der an die Gastarbeiter-Anwerber der sechziger Jahre erinnernden Jobvermittler reichten von mittelständischen Maschinenbauern bis zu den führenden Automobilkonzernen.

Der Übergang zur 38,5-Stunden-Woche, der durch den teuren Dollar ausgelöste Exportboom und die anziehende Investitionsgüter-Konjunktur auf dem Binnenmarkt zwingen die Personalchefs vieler Unternehmen erstmals, wieder verstärkt Arbeitskräfte einzustellen. In großem Stil stockt vor allem Daimler-Benz seine Belegschaft auf. Bereits im letzten Jahr hatten die Schwaben in ihren Inlandswerken rund sechstausend neue Arbeitsplätze eingerichtet, vor allem an ihren Pkw-Standorten Sindelfingen, Untertürkheim und Bremen. Weitere fünfhundert bis tausend Neueinstellungen hat Personalvorstand Manfred Gentz bis 1985 fest eingeplant.

Nicht weniger hoffnungsvoll blickt sein VW-Kollege Karl-Heinz Briam derzeit in die Zukunft. Von Juli 1984 bis Ende dieses Jahres wollen die Wolfsburger in ihren sechs deutschen Werken 9800 Leute einstellen. Davon gehen 3800 auf das Konto der normalen Fluktuation; mit 3000 Beschäftigten beziffert Briam den durch die bei VW schon zum Jahresbeginn in Kraft getretene Arbeitszeitverkürzung ausgelösten Effekt, weitere 2000 Neueinstellungen wurden durch die gestiegene Nachfrage erforderlich, und zusätzliche 1000 für die Einrichtung einer neuen Samstagschicht.

Da zur Zeit für die Modelle Golf und Jena Lieferfristen von drei Monaten bestehen, erwägt der VW-Vorstand sogar, die Produktion in Wolfsburg aufzustocken. Briam: „Dadurch würden noch einmal etwa 2000 neue Arbeitsplätze geschaffen.“ Auch die VW-Tochter Audi ist fest auf Zuwachs programmiert: Nachdem die Ingolstädter ihre Belegschaft bereits im letzten Jahr um fast 2000 auf 35 400 Beschäftigte erhöht hatten, steht das Thema Neueinstellungen nach der Sommerphase auf der Tagesordnung. Mit einem Bedarf von tausend Leuten bis zum Jahresende steht Konkurrent BMW nicht nach. Einen noch größeren Sprung nach vorn wagt der Porsche-Vorstand: In dem am 31. Juli zu Ende gehenden Geschäftsjahr werden 1333, danach noch einmal 600 weitere Beschäftigte hinzukommen, womit Deutschlands exklusivster Autobauer seine Belegschaft gleich um knapp dreißig Prozent vergrößern würde.

Kaum als Großanbieter neuer Jobs dürften dagegen Ford und Opel in nächster Zeit von sich reden machen. Rückläufige Umsätze veranlaßten Ford-Chef Daniel Goeudevert, den Übergang auf die 38,5-Stunden-Woche nicht durch Neueinstellungen aufzufangen, sondern die um täglich achtzehn Minuten verringerte Arbeitszeit praktisch zu einem Beschäftigungsabbau zu nutzen. Nachdem in den deutschen Ford-Werken schon 1984 fast 1500 Arbeitsplätze verlorengingen, befürchten Betriebsrat und IG Metall weitere Einsparungen, vor allem, wenn durch das angestrebte Bündnis mit Fiat die Motorenfertigung konzentriert werden sollte. Ähnlich wie Ford fährt auch Opel in seiner Personalpolitik bis auf weiteres nur im kleinen Gang. In den ersten fünf Monaten dieses Jahres wurde die Belegschaft trotz der Arbeitszeitverkürzung um 730 Mann vermindert.

Absatzrekorde und Lieferfristen der im Pkw-Geschäft vom Exportboom profitierenden Hersteller hat auch die meisten Automobil-Zulieferer zu einem Umschalten in ihrer Einstellungspolitik gezwungen. So wird Bosch seine 1984 bereits um 4390 Mann angewachsene Inlandsbelegschaft bis Ende dieses Jahres nach einem detaillierten Plan trotz des Personalabbaus bei der Hildesheimer Konzerntochter Blaupunkt insgesamt um weitere 1488 Mann erhöhen.