Nächst Schlesien gibt es kein -Stückchen Mitteleuropa, das den Deutschen so am Herzen liegt wie Österreich. Unser liebes Österreich! Jedes Jahr fahren wir zu Tausenden hin, spachteln Sachertorte und schwimmen mit Bundeskanzler Helmut Kohl im Wolfgangsee. Österreicher in Deutschland dagegen sind schon seltener. Das ist merkwürdig! Und auch wieder nicht; denn in Wirklichkeit interessiert sich in Deutschland kein Mensch für Österreich, so wenig wie für Schlesien.

Wie viele Bundesländer? Name des Präsidenten? Und wovon leben die überhaupt, außer von den Deutschen? Um wenigstens die letzte Frage zu beantworten: zum Beispiel von der sogenannten "österreichischen Literatur". Das ist die beste Erfindung seit Mälzeis Metronom. Nachdem sie jahrhundertelang unter die großen Deutschen sortiert wurden, vom "Dichter des Nibelungenlieds" bis Musil, gab es sie plötzlich: österreichische Dichter, österreichische Literatur, und das bedeutete nicht mehr Dirndl und Nockerl, sondern experimentell, kunstvoll, sensibel, somnambul.

Und das sind, erstaunlicherweise, nach nunmehr etlichen Jahren seit Erfindung der österreichischen Literatur immer noch verwendbare Etikette, soweit Etikette außerhalb der Verpackungsindustrie überhaupt von Nutzen sind. Ob das flotte Markenzeichen "österreichische Literatur" allerdings noch zieht, muß bezweifelt werden, sah man das kümmerliche Häuflein Zuhörer, das sich am Wochenende zu einer Leistungsschau der "österreichischen Gegenwartsliteratur" in Marburg versammelt hatte.

Rund zwanzig Autoren lasen einen Tag nonstop in der halbleeren "Alten Aula" der Universität, umgeben von großformatigen Momenten deutscher, insbesondere Marburger Geschichte in Öl: Kaiser Friedrich II. entläßt nach "Preußen ziehende Ordensritter" und "Die Schlacht bei Lauffen", leider völlig unbekannte Meisterwerke der Historienmalerei. Matthias Mander, Helmut Eisendle, Franz Weinzettl, Elfriede Czurda, Friederike Mayröcker, Barbara- Frischmuth und viele andere gaben sich die Ehre. Experiment teil, kunstvoll, sensibel, somnambul. Das paßte wieder. Und das wieder ist das Wichtigste. Denn wenn es überhaupt etwas geben sollte, das die österreichische Literaturproduktion von der bundesdeutschen unterscheidet, dann ist es "Kontinuität". Welcher junge Autor in der Bundesrepublik schreibt noch im Stil eines Heinrich Böll, in Anlehnung an, in bewußter Nachfolge von Günter Grass?

In Österreich dagegen wird weiter geschrieben wie zur Zeit der Wiener Gruppe, in der Manier des alten Doderer oder der jungen Hertha Kräftner. Vielleicht, vielleicht, gibt es hier tatsächlich eine größere Kontinuität, einen Willen zum Weiterschreiben, zum Weiterdichten, den es im westlichen Teil Deutschlands seit 1968 so nicht mehr gibt.

Hört man den österreichischen Nachwuchs, die Jüngeren, Franz Weinzettl oder Reinhard P. Gruber, Walter Vogl oder Elfriede Czurda, dann spürt man deutlich die jeweiligen Vorväter und -mütter, Handke und Jandl, Mayröcker, Brandstetter, Bernhard; dann hat man das Gefühl, hier wird nicht abgebrochen und neu angesetzt, sondern weitergemacht – gewinnbringend oder auch bloß epigonal. Das war das Spannende, das war das Langweilige an den Texten der jungen Autoren, die in Marburg lasen. Wenn etwa Reinhard P. Gruber aus seinem Nicht-Roman rezitierte, die nicht darin vorkommenden Nicht-Figuren, in seltsamste Nicht-Handlungen verstrickt, dann war das, trotz eines gewissen déjà vu, erfrischend und neu und machte unbedingt neugierig auf das Werk dieses Autors. Franz Weinzettls Text dagegen, Auszüge aus den selbstquälerischen Erinnerungen eines passiven Helden, kamen dem Zuhörer, bei aller vivisektorischen Virtuosität, dann doch etwas allzu bekannt vor.

Das Konzept der Veranstalter (die "Neue Literarische Gesellschaft" und die Universität), Bekannte und Unbekannte, die Arrivierten und den Nachwuchs einmal zusammenzubringen, erwies sich als richtig: Wenn nach Helmut Eisendle Gruber las, oder nach Friederike Mayröcker, Elfriede Czurda, dann wurden plötzlich Verbindungen sichtbar, wie man es so direkt und spannend selten erlebt. Und daß auch Helmut Eisendle, ein wundersames deutsch-englisches Quasi-Poem nuschelnd, oder Gert Jonke, eine groteske Phantasie über die Stille als absolute Musik darbietend, oder Friederike Mayröcker, autobiographische Miniaturen zeichnend, nichts eigentlich Unbekanntes boten, sondern den eigenen Stil variierten und sublimierten, an neuen Objekten ausprobierten, das war ebenfalls auf seltsame Weise – beruhigend.