Von Joseph Hanimann

Ein paar Schritte in einen schwarzen Raum, und da leuchtet einem, wie vergangen und ewig in Stein gehauen, ein ägyptisches Flachrelief entgegen: Nektanebo II. empfängt von einer Göttin das Zeichen des Lebens. Über Kopfhörer, den man zugleich mit der Eintrittskarte bekommt und nun wie ein letztes Gehäuse ums fragwürdig gewordene "Ich" trägt, ist ein pulsierendes Geräusch zu hören. Atem? Leben? Blut? Nicht meins; ein elektronisch vermitteltes, das der Empfänger in meinem Kopfhörer aus dem dunklen Raum empfängt: Wir stehen in der Vorhalle einer Ausstellung, die im Grunde keine ist, sondern eine großartige Inszenierung unseres technologisch sich entmaterialisierenden Lebens. Die "Immateriale".

"Mat-" ist eine der tiefliegenden Wort- und Begriffswurzeln westlichen Denkens. Matrix, Mater, Materie, Material. Das Ursprüngliche, das unmittelbar Greifbare, das diese Begriffe bezeichneten, ist aber mittlerweile, je weiter die Forschung gedieh, zusehends problematisch geworden.

"Immatériaux" ist eine französische Wortneuschöpfung, doch ihr Sinn scheint schon alltäglich. Er hat zu tun mit dem Grund, der Grundlage, in die der Mensch seine Zeichen setzt.

  • Wenn ich heute per Telex einen Brief schreibe, fahre ich nicht mit dem Schreibstift übers Papier und dann mit der Zunge über die Gummierung des Umschlags, sondern schalte mich per Tastatur in ein elektronisches Netz.
  • Über Zugfahrplan oder Bankkontostand informiere ich mich, indem ich einen Code in den Computer-Terminal tippe.
  • Stadterfahrung: Anstatt über Straßen und Plätze bewege ich mich heute immer öfter durch Wohnagglomerationen, weder Stadt noch Land noch Wüste; eine Peripherie ohne Zentrum, Außen ohne Innen.
  • Mittags nehme ich 2800 Kilojoule in einer der dargebotenen Standardformen zu mir, zur Abendunterhaltung erwarten mich synthetische Kinobilder und Videoclip, und um all das zu bezahlen, blättere ich keine Geldscheine, sondern stecke einfach meine Kreditkarte in den Schlitz.

Wie steht es mit der Materialerfahrung in unserem Alltag? Ganz zu schweigen von den Fragen aus Biogenetik und Mikrophysik. Natürliches und gesellschaftliches Sein enthebt sich in ein immer feiner werdendes Bezugsgefüge, das uns in seiner präzisen Formulierbarkeit zum neuen Rätsel geworden ist.

Zur dramaturgischen Gestaltung dieses Rätsels bedienen sich der Philosoph Jean-Francois Lyotard und seine Mitarbeiter nicht der übersichtlichen Raumordnung einer Ausstellungsgalerie, sondern der Labyrinthform. In etwa 60 Raumzonen, durch halbdurchsichtige Metallvorhänge voneinander getrennt, stößt man auf Fundstücke entmaterialisierter Realität. Künstliche und natürliche Hautkulturen, synthetische Geruchsessenzen, photographisch festgehaltene Mikro- und Makrostrukturen aus Physik, Chemie und Biologie, Hologramme, elektronische Kartographie-Simulation, computergespeicherte Schach- und Sprachspiele, rhythmisch fragmentierte Klangkörper auf Videoclip, ein auf Begehen empfindlicher Musikgenerator, zeitverschobene Videoaufzeichnung, ein Bekleidungs-Simulator, der die Benützer per Tastendruck einkleidet, photographische Transvestitenakte, Diätprogramme auf Mikrocomputer, Modelle architektonischer Futuristik, Marcel Duchamps "Infra-mince"-Studien, malerische Motivzersetzung bei Balla, Monory, Tyler ... und Computer aller Art, auf denen man etwa Passagen aus dem Ausstellungskatalog abruft. (Wer zu Hause einen Terminal besitzt, kann das sogar von dort aus tun.)