In einem Interview des Deutschlandfunks am 21. Juni erklärte Genscher unter Berufung auf die Reden des Bundespräsidenten zum 8. Mai und auf dem Evangelischen Kirchentag: „Was der Bundespräsident über die Standortbestimmung der Bundesrepublik Deutschland gesagt hat ... das ist etwas, was eine Richtungsbestimmung auch für unsere Außenpolitik ist.“ Dazu erklärte Theo Waigel, Vorsitzender der CSU-Landesgruppe im Bundestag: „Hier darf es keine Unklarheiten geben, nach dem Grundgesetz bestimmt der Kanzler die Richtlinie der Politik.“

Waigel bediente sich der Genscherschen Äußerung, um diesem vorzuwerfen, er lasse sich vom Bundespräsidenten die Richtlinien seiner Politik vorschreiben. Das hätte mit Recht öffentlicher Anprangerung bedurft, aber sie ist nicht gerechtfertigt. Für Waigel bedeutet Richtung, wovon Genscher gesprochen hat, und Richtlinie, wie es im Grundgesetz heißt, das gleiche. Aber die beiden Begriffe sind nicht auswechselbar. Der Wind kommt aus einer Richtung, der Kurs eines Schiffes geht in eine bestimmte Richtung. Dieses Wort kann nicht durch Richtlinie ersetzt werden. Richtlinie ist nach Dudens Großem Wörterbuch: Anweisung für jemandes Verhalten in einem bestimmten Einzelfall, in einer Situation, bei einer Tätigkeit. Man kann statt dessen nicht Richtung sagen.

Weiß Waigel auch nicht, daß „bestimmen“ zweierlei bedeutet, nämlich einmal „anweisen“ und zum anderen „feststellen“, auch im Sinne von definieren, erkennen und beschreiben? Man kann dem Kompaß die jeweilige Richtung entnehmen. In der Navigation läßt sich anhand eines Sextanten und durch Loten der jeweilige Standort eines Schiffes – bestimmen, nämlich erkennen. Im Sinne: Die Richtung der Außenpolitik festzustellen, nicht etwa sie anzuweisen, hat Genscher von Weizsäckers Reden gesprochen. Dieses Recht der Feststellung hat unbestritten der Bundespräsident, und ebenso hat der Außenminister das Recht, sich auf dessen Reden zu berufen.

Diese Unterscheidung zwischen „Richtung“ und „Richtlinie“ und der beiden Bedeutungen von „bestimmen“ ist keine Wortklauberei, kein Advokatentrick, sondern geläufiger Sprachgebrauch. Also ist der Vorwurf Waigels wegen Wortverwechslung hinfällig. Auch die Folgerung des CSU-Politikers ist es. Waigel knüpfte an seinen Vorwurf den Vorschlag, daß sich die drei Parteiführer künftig intensiver und häufiger mit der Außenpolitik befassen sollten. Die Richtlinienkompetenz aber ist das verfassungsmäßige Recht einer einzelnen, einzigen Person: des Bundeskanzlers – nicht etwa eines Kollegiums, weder der Minister, geschweige denn der Parteiführer.

Theodor Eschenburg