600 000 Bundesbürger leiden an einem rätselhaften Hautausschlag

Von Gabriele Ott

Er hat sich viel vorgenommen in diesem Jahr, der Kriminalbeamte Jürgen Pfeifer, 36, aus Boppard am Rhein: Rund 600 000 Menschen in der Bundesrepublik will er Rat und Hilfe vermitteln. Es sind Menschen, überwiegend Kinder, die an einer bislang unheilbaren Krankheit leiden, der Neurodermitis. Am 2. Februar 1985 hat Pfeifer den "Bundesverband Neurodermitiskranker in Deutschland e. V.*" gegründet.

Pfeifer will kein Laien-Mediziner und kein Heilpraktiker werden. Er will nur "Erfahrungen sammeln und an die Betroffenen weitergeben". Welche Qualen die Kranken durchstehen, hat Jürgen Pfeifer in seiner eigenen Familie erlebt. Sein Sohn Rene, zweieinhalb Jahre alt, hatte Hautausschlag – am ganzen Körper. "Er sah ständig so aus, als hätte man ihn mit kochendem Wasser verbrüht." Das Kind saß den ganzen Tag auf dem Boden und kratzte sich, kratzte, bis es überall blutete. Der Ausschlag war so häßlich, daß die Familie vor jedem Spaziergang zögerte – aus Angst, in der Öffentlichkeit auf Ablehnung und Unverständnis zu stoßen. Nachts betreuten die Eltern den Jungen abwechselnd. Der Gang von Arzt zu Arzt, von Professor zu Professor brachte lange Zeit keine Hilfe.

Betroffen sind auch Lisa Bergheim (Name geändert) und ihre Eltern. Lisa war sieben Monate alt, als sie plötzlich kleine rote Flecken bekam. Sie begann sich zu kratzen. Heute ist Lisa vier Jahre alt. An Gelenken, Armen und am Hals hat sie nässende und eiternde Wunden. Noch immer kratzt sie sich Tag und Nacht, bis sie blutet. Manchmal kommt es vor, daß Lisa auf dem Spielplatz allein bleibt. "Komm her, das Mädchen hat ein Aua", rief eine Mutter beispielsweise, als Lisa mit einem anderen Kind spielte. Die Angst dieser Mutter war unbegründet; denn eines ist Neurodermitis nicht: ansteckend.

Neurodermitis, das heißt: quälender Juckreiz und abstoßend häßlicher Hautausschlag. Neurodermitis, das heißt auch: durchwachte Nächte, nervöses und aggressives Verhalten und oft ein Leben als Außenseiter. "Neurodermitis", "endogenes Ekzem" oder "atopische Dermatitis" wird dieses Leiden genannt, das vermutlich schon im Altertum bekannt war und zu den allergischen Krankheiten (Atopien) gezählt wird.

Nach Schätzungen von Experten leiden in der Bundesrepublik rund 600 000 Menschen am endogenen Ekzem: Immerhin jeder 100. Bürger in diesem Staat ist betroffen. Betroffen sind vor allem Kinder. Bei Menschen über 40 Jahren tritt das Ekzem kaum mehr auf, und mit zunehmendem Alter verliert es an Intensität. Die Mediziner können weder den Ausbruch noch das Abklingen der Neurodermitis erklären.