"Wir stehen vor dem Nichts", sagt Doktor Rainer Böhm, Leiter einer Hautklinik in Bad Neuenahr. Die Fachleute versuchen mit den verschiedensten Erklärungsansätzen, den möglichen Krankheitsursachen auf den Grund zu kommen. Doch die theoretischen Modelle scheitern bisher an der Praxis. Rainer Böhm: "Unsere Generation kennt keine Heilmittel. Jeder Fall unterscheidet sich in seinen Ursachen und seinem Verlauf völlig vom andern. Man kann nichts verallgemeinern."

Deshalb verwenden Fachleute auch nur ungern den bekanntesten Namen für dieses Leiden: "Neurodermitis". Denn ob die Krankheit, wie es die Bezeichnung "Neurodermitis" suggeriert, nervlich bedingt ist – das wissen sie nicht.

Unbestritten ist in Expertenkreisen: Die Veranlagung für das endogene Ekzem kann vererbt werden. Untersuchungen zeigten, daß in 60 bis 70 Prozent der Fälle eines oder mehrere Familienmitglieder einer älteren Generation am endogenen Ekzem litten. Unbestritten ist auch, daß zu dieser ererbten Anlage noch andere Faktoren hinzukommen, die die Krankheit auslösen. Neurodermitis – da scheint man sich einig zu sein – ist eine "multifaktorielle Krankheit": Es spielen immer mehrere Faktoren zusammen, wenn die Neurodermitis auftritt. Aber wie diese Faktoren gewichtet sind – darüber streiten sich die Experten.

Nach Ansicht von Rainer Böhm liegen die auslösenden Faktoren "zu 90 Prozent im psychischen Bereich". Die Arbeitsgemeinschaft "Allergiekrankes Kind – Hilfen für Kinder mit Asthma, Ekzem oder Heuschnupfen – e. V." in Herborn (Westerwald) verweist auf die "fortschreitende Schadstoffbelastung unserer Umwelt": Sie erkläre, warum allergische Krankheiten, und auch die Neurodermitis seit einigen Jahren zunähmen. Bestimmte Nahrungsmittelallergien können den Ausbruch des Hautausschlags hervorrufen.

Aber auch klimatische oder pränatale (vorgeburtliche) Einflüsse werden von einigen Medizinern nicht ausgeschlossen.

Neurodermitis ist jedenfalls nicht nur eine oberflächliche Erkrankung der Haut. Rainer Böhm: "Kein Arzt in führender Position würde heute noch die Neurodermitis als Hautkrankheit diagnostizieren." Doch das Gros der Ärzte behandele sie leider immer noch wie eine Hautkrankheit. Böhm: "Salbe allein nützt gar nichts."

Das meint auch Hugbald Volker Müller, Homöopath und Professor an der Universität Köln. Für Müller – wie auch für viele Schulmediziner – ist Neurodermitis eine Stoffwechselkrankheit. Für die Entstehung der Stoffwechselstörung hat er allerdings eine unorthodoxe Erklärung: Müller ist überzeugt, daß die Leber des Neurodermitikers – schon im Kindesalter – durch Antibiotikabehandlung der Schulmediziner, aber auch durch Gifte in Lebensmitteln (zum Beispiel Spritzmitteln in Gemüse) geschädigt ist. Gifte, die von der Leber nicht abgebaut werden können, gelangten in die Blutbahn und würden dann unter die Haut transportiert. Die Haut, so Müller, werde in die "embryonale Phase zurückversetzt" und diene als Verdauungsorgan. Durch die aufgekratzten Wunden könnten die Schadstoffe abgesondert werden: "So kann das Gift raus."