Von Michael Schwelien

Es war ein ereignisloser Flug von Beirut nach Tripolis. Das einzig Ungewöhnliche geschah nach der Landung in der libyschen Hauptstadt. Obwohl an jenem 25. August 1978 der Imam Musa al Sadr, der Vorsitzende des Obersten Schiitischen Rates im Libanon, also der höchste religiöse und politische Würdenträger der libanesischen Schiiten, dem Flugzeug entstieg, und obwohl eben dieser Musa al Sadr offizieller Gast des libyschen Staatschefs Muammar al Ghaddafi war, brachten die Medien des Landes keine einzige Meldung über dessen Ankunft. Musa al Sadr muß noch einige Tage gelebt haben. Er wurde zuletzt am 31. August gesehen.

Sein Hotel verlassend, sagte der hochgewachsene Geistliche mit den durchdringenden blauen Augen einer Gruppe von Libanesen, er sei auf dem Wege zu einem Treffen mit Ghaddafi: Danach wurde Musa al Sadr nie wieder gesehen. Diplomaten vermuten, daß er noch am selben Tag ermordet wurde. Exil-Libyer bekräftigten diese Vermutung später in Amman, der Hauptstadt Jordaniens, wo König Hussein, ein Freund und Bewunderer des Imam Musa al Sadr, regiert.

Die Libyer warteten mit einer anderen Erklärung auf – und mit einem miserablen Versuch, Spuren zu verwischen. Musa al Sadr habe zusammen mit seinen Begleitern – einem Geistlichen und einem Journalisten – Tripolis mit einem Flug der „Alitalia“ nach Rom verlassen. Tatsächlich angekommen in der italienischen Hauptstadt ist jedoch nur das Gepäck des Imam, gebracht von libyschen Agenten, von denen keiner dem ehrfurchtgebietenden Imam auch nur die Spur ähnlich sah.

Es darf, so hätte man eingedenk des seltsamen Verschwindens des Imam damals schon schlußfolgern können, im Libanon keine Mäßigung geben – äußere Kräfte wissen das auf alle Fälle zu verhindern. Doch 1978 erregte die eigenartige Affäre kein Aufsehen. Schiiten? Sie waren der westlichen Welt gänzlich unbekannt. In Persien saß der Schah fest auf dem Pfauenthron. Von Chomeini wußte man nicht viel mehr, als daß er in seinem Pariser Exil persische Umstürzler aller Couleur um sich sammelte. Wenn es im Libanon krachte, dachte man an Palästinenser und Christen.

Und noch ein zweites wäre damals schon zu erahnen gewesen, hätte man den fundamentalistischen Schiiten Aufmerksamkeit geschenkt: Das Verschwinden des Imam würde eine ganze Volksgruppe in Bewegung setzen.

In der schiitischen Mythologie verschwand der zwölfte Imam – Imame sind die religiösen und politischen Nachfolger des Propheten – im Jahre 874 aus den Augen normal Sterblicher. Noch als Knabe soll er im Todesjahr seines Vaters in eine geheimnisvolle Verborgenheit – die Ghaiba – entrückt sein. Dank eines göttlichen Wunders sei er nicht gestorben, sondern lebe bis heute in Verborgenheit, um am „Ende der Zeiten“ zurückzukehren und der Erde Gerechtigkeit zu bringen.