Von Gerhard Staguhn

Zeigen Sie mir Ihre Uhr, und ich sage Ihnen, wer Sie sind. Sie haben gar keine Uhr? Dann geben Sie nur acht, daß Sie nicht den Zug der Zeit verpassen.

Die Zeit hat ihr Gesicht verloren, und mit der Zeit haben auch die Uhren ihr Gesicht verloren. Innerhalb von ein paar Jahren ist meine Armbanduhr zum Relikt geworden, und ich selber, so scheint es, bin es auch. Ich schäme mich fast zuzugeben, daß ich meine Uhr täglich aufziehen muß. Es ist, als gestehe man, seine Wäsche immer noch mit der Hand zu waschen.

Das Aufziehen kostet Zeit, das ist das Unzeitgemäße daran; gleichzeitig gesteht man ein, daß man zu seiner Uhr eine Beziehung hat, indem man ihr die Energie zuführt, die sie braucht, um gehen zu können. Eine moderne Uhr bedient sich dazu einer Batterie; und sie geht auch nicht, sondern sie funktioniert. Wie ihr Besitzer.

Zu allem Übel hat meine Armbanduhr richtige, ja geradezu mittelalterlich anmutende Zeiger und Ziffern. Und rund ist sie auch noch, wo doch die Zeit und ihre zeitgemäßen Uhren längst viereckig geworden sind. Das heißt, erst kürzlich sah ich dreieckige Uhren.

In den runden Uhren kehrte symbolisch der Sonnenlauf wieder. Sie waren Abkömmlinge der Sonnenuhr, der Ur-Uhr. In der Uhr fand der immergleiche Rhythmus von Tag und Nacht seine bildliche Gestalt. In der Uhr spiegelten sich die Zeit und der Mensch. In ihren Uhren erfaßten die Menschen ihre Zeit als Zeit, die sie hatten und die ihnen gehörte.

Zeit war etwas Konkretes. Die Tageszeit war sinnlich übersetzt in der Stellung der Zeiger, die sich voneinander lösten, sich aufeinander zubewegten, sich deckten oder einander exakt gegenüberstanden; wie Finger strichen sie unmerklich langsam über das runde Uhrengesicht. Zeit war fühlbar. Und sie war hörbar. Die Uhren redeten, sie flüsterten, sie riefen, manche sangen sogar. Die Armbanduhren tickten. Kleine Kinder machten große Augen, wenn man ihnen eine Armbanduhr ans Ohr hielt. Die Uhr lebte und barg ein Geheimnis. Ticken, dieses schöne Wort wird aussterben. Moderne Uhren ticken nicht mehr, als wollte der moderne Mensch nicht daran erinnert werden, daß Zeit etwas ist, das vergeht.