Wie kaum ein anderer zeitgenössischer Künstler hat der Schweizer Richard P. Lohse sein Werk dem Gesetz des rationalen Gestaltens unterworfen. Daß Rudi Fuchs ihn dennoch zur letzten "documenta" eingeladen hatte, die insgesamt eher den extremen Gegenpol der Gestaltungsmöglichkeit in der Kunst dokumentiert hat, fand seine schlichte aber überzeugende Begründung in dem kurzen Satz: "Er ist ein großartiger Maler." Tatsächlich könnte man an dem Werk von Lohse (wie übrigens auch Albers’ oder Bills) demonstrieren, daß rationale Gesetzmäßigkeit in der Kunst keineswegs automatisch zu einem Verlust an Vitalität und Sinnlichkeit führen muß.

Lohse gehört gleichsam der zweiten Generation der konstruktiven Künstler an. Noch zu deren Lebzeiten von Mondrian, Doesburg und Vantongerloo beeinflußt, gehörte er zu der kleineren Gruppe der "Züricher Konkreten", die während der Naziherrschaft in Deutschland und über den Krieg hinweg in der Schweiz die Kontinuität der konstruktiven Bewegung weiterführten. Neben Lohse selber vor allem Max Bill, Verena Loewensberg und Camille Graeser. Die systematischen Grundlagen seiner Malerei hat Lohse bereits in den dreißiger Jahren geschaffen. So entwickelte er die nodularen und seriellen Ordnungsschemata für seine Bilder und systematisierte die Verwendung der Farbe. Lohse ging es dabei nach seinen eigenen Aussagen stets um eine Standardisierung und Objektivierung seiner Bildmittel. Die Entscheidung des Künstlers für eine bestimmte Form sollte für den Betrachter stets nachvollziehbar sein, sie sollte nicht willkürlich getroffen werden, sondern sich im Rahmen eines logischen Form-Farbe-Gesetzes legitimieren. Dieser Anspruch führte Lohse allerdings keineswegs zu einfachen Lösungen, im Gegenteil, seine Bilder haben nicht selten einen sowohl formal wie auch farblich äußerst komplizierten Aufbau.

Die formalen Grundoperationen sind Drehungen, Verschiebungen, Additionen und Progressionen. Die Basisform ist in aller Regel das Quadrat und das Rechteck, das auch als langgezogener Streifen erscheinen kann. Aber die formale Struktur dieser Bilder erscheint sekundär angesichts des souveränen Umgangs dieses Malers mit der Farbe. Die Farbe wird stets nach einem gesetzmäßig-logischen Verfahren eingesetzt, das sich auf den Farbkreis bezieht. So entwickelte Lohse eine Farbsystematik, die heute in ihrer Komplexität und ästhetischen Reichhaltigkeit kaum erreicht wird. Die Systematisierung seiner Bildmittel hat indessen nicht zu einer Einschränkung seiner Möglichkeiten geführt, sondern man hat den Eindruck, daß Lohse erst durch diesen Schritt in der Lage gewesen ist, seine künstlerische Vitalität voll entfalten zu können.

Die Ausstellung des Kunstvereins Braunschweig, in der klassizistischen Kulisse des schönen Hauses Salve Hospes, ist keine Retrospektive, läßt gleichwohl einen Einblick in das über mehr als ein halbes Jahrhundert hinweg entstandene Gesamtwerk zu. Dabei wird erneut der verblüffende Eindruck bestätigt, daß Lohse trotz seiner Zurücknahme an formaler Komplexität den malerischen Eindruck hat steigern können. In den letzten Jahren sind fast ausschließlich Bilder auf einem additiven Quadratraster entstanden, in denen sich der Maler fast ausschließlich der Erscheinung der Farbe gewidmet hat.

Da Lohse ausschließlich reine Farben erster Ordnung des Farbkreises sowie solche der gesetzmäßigen Mischung verwendet, wirken alle seine Bilder außerordentlich und intensiv farbig. Es bilden sich aber auch Gruppen in einem größeren Zusammenhang, die weniger von der Formsystematik bestimmt werden als von einer farbigen Grundstimmung. Es zeigt sich gerade bei einer solchen, den Intentionen des Malers vermutlich entgegengesetzten Rezeptionsweise, daß es Lohse bei aller Systematik doch stets auf einen malerischen Ausdruck ankommt. So ergeben sich Bildstruktur und Farbaufbau einer Arbeit auch keineswegs "automatisch" aus der einmal gewählten Gesetzmäßigkeit. Vielmehr ist es ein malerischer Ausdruck, eine Bildvorstellung, die Lohse zu verwirklichen beabsichtigt. Allerdings hat dieser Maler von Jugend an jeder expressiven Geste mißtraut, auch die "private", allein auf den Künstler bezogene Aussage erschien ihm angesichts der gesellschaftlichen und technischen Entwicklung nicht mehr zeitgemäß. Die Selbstbeschränkung auf die Gesetzmäßigkeit der bildnerischen Mittel hat für diesen Maler künstlerische Kreativität und Vitalität geradezu befreit. Das mag paradox klingen, vor allem für denjenigen, der in Gesetzmäßigkeit und Systematik in erster Linie Zwang sieht. Lohse beweist das Gegenteil, und gerade darin ist er seinem großen Anreger, Piet Mondrian, am nächsten. (Kunstverein Braunschweig bis zum 30. Juni, Katalog 20 Mark.) Hans-Peter Riese