Rösrath

Seveso, Seveso! Was heißt hier Seveso?! Der Sprecher des rheinisch-bergischen Kreises in Bergisch Gladbach, Hans Reininger, wird ungehalten: „Rösrath ist nicht Seveso!“

Die Parallele zu dem norditalienischen Ort, wo 1976 bei einer Explosion in einer Chemiefabrik größere Mengen Dioxin frei wurden, hat Professor Ottmar Wassermann gezogen, Direktor der Abteilung Toxikologie am Klinikum der Christian-Albrechts-Universität in Kiel. Im Auftrag der Grünen gab der Giftexperte eine „gutachterliche Stellungnahme im Zusammenhang mit dem Brand einer Lagerhalle der Firma Dahl-Kanal, Rösrath“ ab, die kürzlich veröffentlicht wurde und seitdem für heftige Kontroversen in der rheinischen Stadt Rösrath nahe Köln sorgt. Vor allem Wassermanns Fazit, wonach das unmittelbare Brandgelände mit der sogenannten „Zone A“ von Seveso, dem total verseuchten und bis heute abgeriegelten Explosionsherd von damals, zu vergleichen sei, erhitzt die Gemüter.

„Mit diesem Gutachten“, sagen die einen, etwa die Grünen, „ist nun endgültig bewiesen, daß die Menschen, die im Umkreis des Brandherdes leben, akut gefährdet sind.“ Die anderen, wie beispielsweise Rösraths stellvertretender Gemeindedirektor Winfried Werkshage, meinen: „Hier ist kein Schaf umgekippt; kein Tier, kein Mensch ist erkrankt; die Natur grünt wie eh und je.“

Man könne „beim besten Willen nichts reininterpretieren, was nicht da ist“, meint auch Josef Abel, Leiter der Toxikologie beim Medizinischen Institut für Umwelthygiene in Düsseldorf.

Die Auseinandersetzung trägt Züge eines Glaubenskrieges; und für jede Anschauung liegt ein dazu passendes Gutachten vor. Professor Wassermanns Stellungnahme ist die sechste in einer ganzen Reihe seit Herbst vergangenen Jahres. Damals, am 19. September, steckte ein ehemaliger Arbeiter der Rösrather Kunststoff-Fabrik Dahl-Kanal „aus Wut und Rache“ über seine Entlassung die Lagerhalle in Brand.

Das Feuer entwickelte sich zu einem drei Tage dauernden Großbrand, bei dem 500 Tonnen PVC verbrannten. Zwei Giftgaswolken bedrohten die Bewohner im Großraum Bergisch Gladbach, Siegburg, Gummersbach und Köln. Über Polizei-Lautsprecher und Rundfunk wurde die Bevölkerung aufgefordert, Türen und Fenster geschlossen zu halten. Die rund hundert Bewohner eines nahe gelegenen Altenpflegeheims wurden vorsorglich evakuiert. Kinderspielplätze wurden gesperrt, nachdem auf ihnen ein rußiger, salzsäurehaltiger Schmierfilm niedergangen war. Die örtlichen Behörden warnten die Bevölkerung davor, Obst und Gemüse aus ihren Gärten zu verzehren. Den Bauern wurde nahegelegt, ihr Vieh von jenen Weiden zu treiben, über die die Giftwolken hinweggezogen waren.