Von Andreas Kohlschütter

Beirut, im Juni

Nur eines ist bei dem Entführungsdrama Gewißheit: Die Beiruter Flugzeuggeiseln wollen nicht durch einen noblen und heroischen Kraftakt einem Prinzip zuliebe freigekämpft, sondern mit Hilfe von Diplomatie freigelassen werden. „Wir flehen Präsident Reagan und unsere amerikanischen Landsleute an, auf alle militärischen und gewaltsamen Mittel für unsere Befreiung zu verzichten“, gab der Sprecher der Geiseln bei einer Pressekonferenz mit Verve zu Protokoll. Auch der unrasierte Flugkapitän, der sich zusammen mit seinem Kopiloten und einem Flugingenieur seit zehn Tagen an Bord der vor dem Flughafengebäude stehenden TWA-Boeing 727 befindet, warnte inständig vor brachialen Rettungsaktionen und schrie Reportern aus dem Cockpit zu: „Das wäre unser aller Tod.“

Die Vorführung von fünf amerikanischen Entführungsopfern war ein bizarres Schauspiel. Eine surrealistische Fellini-Szene in der Kulisse des nüchternen Flughafen-Restaurants, vor säuberlich weiß gedecktem Tisch mit Rosinenkuchen, Fastenmonatsgebäck und Trinkwasserflaschen. Die Tea-Party-Idylle wurde in blitzartigem Schwenk zum Chaos, als sich Fernseh-, Bild- und Rundfunkjournalisten mit ihrem elektronischen Gerät auf die hereingeführten bleichen Geiseln stürzten. Tische und Stühle wurden umgestoßen, Gedeck und Kuchen niedergetrampelt. Brüllende Kämpferder schiitischen Amal-Mihz fuchtelten mit durchgeladenen Kalaschnikow-Gewehren rum, schlugen sich mit schreienden und wild gestikulierenden Photographen, stemmten sich gegen das Medien-Sack und drohten: „Wer näherkommt, wird verletzt.“

Die Geiseln wirkten gestreßt, mitleiderregend Louis, und hilflos. Sie stammten aus Houston, St. Louis, Laredo, Illinois und Burlington-Vermont. nach sie hatten nur den einen Wunsch: „Laßt uns nach Hause, wo wir hingehören.“ Sie appellierten an „gesunden Menschenverstand“, an „Gerechtigkeit und Mitgefühl“. Aber irgendwie realisierten sie wohl, daß in diesem Beiruter Dschungel andere Regeln gelten. Daß sie, wie, ihr Sprecher kundtat, nurmehr „Dominosteine in einem zermürbenden Nervenspiel“ sind. Biedermänner aus Amerika, die ganz plötzlich in reißende Nahost-Strudel gerieten.

Gegen Ende letzter Woche war hier das Spannungsbarometer besorgniserregend angestiegen. Ein hoher Vertreter der schiitiscnen „Widerstandsbewegung der Entrechteten“ (Amal = Hoffnung), deren Chef Nabih Berri, zugleich Justizminister des Libanon, zwischen Washington und Luftpiraten vermittelt, sagte aus: „Wir stehen vor einer Mauer.“ Der amerikanische Flottenaufmarsch vor der Küste schien durch die zusätzliche Entsendung von US-Marine-Infanteristen immer bedrohlicher zu werden. Auf dem zyprischen Flughafen Larnaca standen tarnfarbene Riesenhelikopter der US-Navy in Lauerstellung. Daneben acht Zivilmaschinen der zivilen libanesischen Middle East Airlines, die vorsorglich und in Erwartung einer militärischen Intervention aus Beirut ausgeflogen worden waren. Es war die Rede von ominösen, vom Flugzeugträger „Nimitz“ aus gestarteten F-14-Aufklärungseinsätzen über dem brodelnden Beirut.

Auf dem Flughafengelände, unweit der gekaperten Maschine, hielten dann Schiiten der radikal-religiösen „Partei Gottes“ (Hizbollah) eine emotionsgeladene Protestdemonstration nach iranischem Vorbild ab. „Willkommen Amerika, wir suchen das Martyrium“, stand auf einem Transparent. „Tod Amerika, Tod Israel“, skandierten schwarzverschleierte Frauen und vollbärtige, Männer mit geballter Faust: „Chomeini ist unser Führer, Allah ist der Größte, auf nach Jerusalem.“ Ein Sternenbanner ging in Flammen auf. Es waren nicht mehr als 2000, aber die fanatisierte Tonart weckte unheimliche Erinnerungen an die Massenaufmärsche vor der Teheraner US-Botschaft im Jahre 1979.