Von Esther Knorr-Anders

Berlin ist eine schwierige Stadt. Der eine liebt sie auf Anhieb: da muß es sich nicht einmal um einen geborenen Berliner handeln. Der andere – und in diesem Fall kann es sich durchaus um einen gebürtigen Berliner handeln – mag sie ein Leben lang nicht leiden." Das ist der kategorische Anfang eines frappierenden Buches, in dem es nur wenige Seiten weiter heißt, das Privileg, auf Berlin zu schimpfen, müsse erworben werden; man erwirbt es nur, indem man Berliner wird. Punktum. – Eine Zwitterstadt, janusköpfig von Anbeginn an, ist Berlin für den dort heimisch gewordenen Autor, Feuilleton-Chef des Berliner Tagesspiegel,

Heinz Ohff: "2mal Berlin"; Piper Verlag, München 1985; 346 S., 38 Photos, 39,80 DM.

Die Stadt begann als Doppelort an einem Übergang über die Spree. Der eine Flecken hieß Berlin, der andere Coelln. Beide bekämpften sich aus wirtschaftlichen Gründen. Die Bewohner der Berliner Seite, die vermutlich quicker und schlauer waren, bekamen die Gerichtsbarkeit in ihre Mauern. Das minderte den Ruf von Coelln. Immerhin blieb die einstige Ortsbezeichnung im Namen des Stadtteils Neukölln erhalten. Damals aber, um 1447, mußten sich beide Gemeinden als genasführt fühlen. Kurfürst Friedrich II. von Brandenburg, "Eisenzahn" genannt – das hätte Berliner wie Coellner warnen müssen –, hatte bei den fortwährenden Querelen den Friedensstifter spielen wollen und sich als Dank einen Bauplatz für ein Lustschloß erbeten. Ein winziges Ding sollte es werden. Es entstand jedoch eine Zwingburg. Die darauf folgende Bürgerrevolte schlug "Eisenzahn" nieder und enteignete die Bewohner beider Orte bis "auf den letzten Heller und das letzte Gartengrundstück".

So hatte sich der Friedensfreund als Einkassierer erwiesen. Im Laufe der Jahrhunderte mußten die Berliner immer wieder erleben, daß ihre Stadt sich zu einem Gebilde entwickelte, das die Bürgerfreiheit einschränkte: Zunächst durch die Residenz der brandenburgischen Kurfürsten, dann durch die Anwesenheit der preußischen Könige, der deutschen Kaiser, schließlich durch Hitler und heute – den Ostteil betreffend – durch die Apparatschiks der SED. Trotz ihrer Abneigung gegen jede Obrigkeit genossen die Berliner in vollen Zügen die Vorteile, die ortsansässige Obrigkeit mit sich brachte. Jene Herrscher, die leichtsinnig und verschwenderisch regierten, lebenslustig und in Weibergeschichten verwickelt waren, schloß die Stadt in ihr doppelbödiges Herz. Nach dem Tod des miesepetrigen Friedrichs des Großen atmete sie auf. Über die Revolution von 1848 meint der Verfasser, sie sei Tragödie und Farce zugleich gewesen, infolgedessen "von den Reaktionären später stets herabgespielt, von den Revolutionären jeder Couleur weit überschätzt worden. So etwas lag dem Berliner Volkscharakter nicht."

Ferner lag dem Berliner Volkscharakter Kaiser Wilhelm II. nicht. Die Berliner dokumentierten ihre Abneigung in Wahlergebnissen. 1914 konnten die Sozialdemokraten 75,3 Prozent aller abgegebenen Stimmen auf sich vereinigen. Von 1918 bis 1932 hatte sich in Berlin und Preußen die Sozialdemokratie als politisch zuverlässiger Ordnungsfaktor bewährt. Während der Hitlerzeit taten die Berliner das, was auch andere taten: Sie hielten die Klappe. Ihr spezieller, jeden Fremden stimulierender Witz gewann Hochkonjunktur. "Ehe ick mir zu sehr wundere, gloobe ick lieber", äußerten sie über das Dritte Reich. Mancher Gegner des Nationalsozialismus fand in Berlin Unterschlupf.

Wenden wir uns den Berlinerinnen und jenen Frauen, die dazu wurden, zu. Ob sie als Fürstinnen oder als berühmte Stars – das ist kein allzu großer Unterschied – Einzug hielten, sie wurden triumphal empfangen, geliebt, verehrt und triumphal verabschiedet. Zum Trauerzug für Königin Luise, der 1810 durch halb Preußen zog, strömten 80 000 Menschen herbei. Noch heute, am 10. März eines jeden Jahres, wird im Mausoleum des Charlottenburger Schloßgartens ein Blumengruß zum Gedenken an den Geburtstag der charmanten Luise niedergelegt.