Wenn Worte Kampfkraft produzieren könnten, wäre die Bundeswehr kaum zu schlagen. Die Bundesregierung hat soeben das dickste Weißbuch seit Einführung dieser Publikation vorgelegt. Fast 420 Seiten (rund 200 mehr als seine Vorgänger) weist das Werk Wörners auf, und nichts ist ausgelassen – bis auf die Zukunft.

„Die Streitkräfte“, so der Verteidigungsminister, „stehen auf einer klaren Planungsgrundlage und haben eine sichere Perspektive.“ Mag sein, aber das „Weißbuch 1985 zur Lage und Entwicklung der Bundeswehr“ zeichnet sie nicht nach. Nichts auf diesen vielen Text- und Graphikseiten läßt vermuten, daß die deutsche Verteidigungspolitik vor ihrer schwersten Herausforderung steht: Wo sollen in Zukunft Personal und Geld herkommen?

Es gibt schon heute nicht genug Freiwillige, und in Zukunft müssen „bei wachsendem Konkurrenzdruck anderer Bedarfsträger“ noch mehr gewonnen werden. Aber wie denn? In drei Jahren wird es nicht mehr genug Wehrpflichtige geben. Nur eine Bundeswehr von 300 000, nicht wie heute von 495 000 Mann ließe sich dann noch aufrechterhalten. Dennoch will die Hardthöhe den Umfang der Streitkräfte nicht verringern. Wie soll das gelingen? Die Ausrüstung soll modernisiert, aber der Verteidigungshaushalt nicht nennenswert erhöht werden. Wie paßt das zusammen?

Überzeugende Antworten sucht der Leser vergebens. Da werden zwar „grundlegende Entscheidungen gefordert“, um die „Sicherheit der Bundesrepublik auch in den 90er Jahren zu gewährleisten“, aber keine davon wird gedanklich vorbereitet. Prioritäten werden kaum gesetzt, so, als gäbe es keine Beschränkungen. In schöner Hardthöhen-Tradition wird die Zukunft danach analysiert, was die andere Seite militärisch alles kann und tun wird, aber nicht danach, was für die Bundesrepublik möglich und machbar ist. Das Ergebnis ist damit programmiert: Es muß alles beim alten bleiben.

Verteidigungsminister Wörner hat ein Wunschbuch, aber kein Weißbuch vorgelegt. –cb–