Auf Zetteln notieren die Kuriere die Botschaften – ein paar Ziffern, ein paar Buchstaben. Dann kämpfen sie sich wie Händler an der Börse durchs Gedränge hinter die spanische Wand, wo ein junger Mann konzentriert in die Ferne starrt.

Der junge Mann nimmt die Botschaften zur Kenntnis, schreibt seine Antwortzeichen aufs Papier, reicht die Note dem Kurier zurück, der sogleich wieder durchs Gedränge an den Counter eilt.

Neun Menschen und ein Computer brüten dort vor ihren Schachbrettern, ohne erkennbares Gegenüber – sie spielen gegen ein Phantom. Der Kurier des Magiers hinter der Wand kommt von Zeit zu Zeit ans Brett, führt den notierten Zug aus, drückt die Uhr.

Was sich hier ausnimmt wie absurdes Theater, ist eine Weltpremiere des Schachsports. Zum erstenmal wagt es ein Großmeister, gegen eine Reihe starker Amateure blind-simultan und – das ist das aufregend Neue daran – mit dem Handicap der Uhr zu spielen. Während frühere Meister wie Aljechin oder Morphy beim Blind-Simultan-Spiel einfach der Reihe nach die gegnerischen Bretter aufriefen, worauf der Gegner sofort seinen Zug angeben mußte, räumt der Star dieser von der ZEIT veranstalteten Vorstellung im Hamburger Pressehaus, Garri Kasparow, seinen Gegnern jeweils anderthalb Stunden für 40 Züge ein, die gleiche Zeit also, die ihm für 400 Züge, für alle Partien insgesamt, zur Verfügung steht.

Eine halbe Stunde allerdings wird dem Meister gutgeschrieben werden für die Zeit, die ihm durch den Transport der Züge per Kurier verlorengeht. Da niemand Erfahrungen hat mit dieser Art von Zeit-Handicap beim Blind-Simultan-Schach, soll der Schiedsrichter, Großmeister Helmut Pfleger, die Zeitvorgabe „korrigieren“ dürfen, wenn sie sich als unrealistisch erweisen sollte. In Zeitnot-Phasen, in denen es um Sekunden geht und im Blitztempo gezogen werden muß, würde Kasparow sonst ein Fiasko riskieren, zumal er ja auch die Uhren nicht sieht.

Auf eine Gutschrift verlorener Zeit über den 40. Zug hinaus vezichtet Kasparow. Partien, die bis dahin nicht entschieden sind, sollen einfach nach der Regel gespielt werden: Jeder erhält eine weitere halbe Stunde Zeit bis zur Beendigung der Partie – wessen Fähnchen zuerst fällt, der verliert. Helmut Pfleger warnt Kasparow: „Wenn Sie in dieser Phase noch mehrere Gegner haben, dann haben Sie keine Chance.“ Doch Garri winkt lässig ab: „Bis zum 40. Zug sind es höchstens noch drei.“

„Ich bin zu gut“