Zuerst ist es nichts als ein ganz kleiner Knubbei, so winzig, daß ihn die freundschaftlich im langen Fell des Vierbeins wühlenden Finger kaum zu tasten vermögen. Aber doch groß genug, um dem Hundeherrn zu melden: da stimmt irgend etwas nicht. Vielleicht noch Schorf auf der kleinen Rißwunde, damals, vom Sprung über den Stacheldraht?

Zwei Finger der linken Hand greifen nun zu, drücken das Fell zu einer Falte hoch und öffnen damit das schwarze Haarkleid über der weißen Haut. Und siehe da, ein kleiner, bräunlichschwarzer Punkt, spitz hochgereckt und fest in der Haut des Hundes verankert. Die streichenden Finger bringen ihn nicht weg, und die zugreifenden Nägel können ihn nicht fassen. Noch nicht freilich, denn in kurzer Zeit wird der Punkt wachsen, stellt sich weiter steil auf und liegt dann später manchmal auf dem Teppich herum. Nun ist er so groß wie eine Erbse der EG-Supernorm, freilich nicht so grün. Mehr grau glänzend, fett geschwollen an der einen Seite und rund, mit einem schwarzen Punkt am anderen Ende und daneben kleine Beinchen, die sich krebsend bemühen, den dicken Leib zu schleppen: Ixodes rinicus, die Zecke oder auch Holzbock, hat seine Saugmahlzeit beendet und den Wirt zur Flucht im freien Fall verlassen.

Zweimal im Jahr ist Zeckenzeit. Zuerst in den noch zögernd warmen Tagen des Frühlings, wenn die Sonne allmählich höher steigt und der Waldboden noch vor Wasser quatscht. Dann erst eine Pause, wenn im Hochsommer die Sonne die Luft getrocknet hat und 85 Prozent Luftfeuchtigkeit nicht mehr erreicht werden. Und dann kommt die Zecke wieder, im Herbst, in den feuchten Tagen, oft bringt der Hund ganze Kolonien vom Spaziergang durch Gras und Gebüsch mit nach Hause.

Und immer heißt die Antwort Öl. Ein kleiner Tropfen nur, etwa mit einer Pipette aus einer alten Flasche für Nasentropfen aufgebracht, verstopft die Atemöffnungen des Parasiten, erstickt ihn. Mit kreisenden Bewegungen des Fingers läßt sich die tote Zecke dann im Uhrzeigersinn aus der Haut drehen. Aber auch der direkte Griff – von Hundehaltern oft angewandt und von Tierärzten bekämpft – kann Erleichterung bringen. Knapp über der Haut mit spitzen Fingernägeln angefaßt, nach links gedreht und dann ein kleiner Ruck: der letzte Schluck ist getan. Doch Vorsicht: Der Kopf der Zecke muß auf jeden Fall aus der Haut, sonst kann sich die Stelle entzünden. Daher nehme der weniger Geübte lieber Öl.

Was dann auf der Hand liegt, hat bestimmt keinen Schönheitspreis verdient. Zwischen zwei und vier Millimetern lang, jetzt aber dick geschwollen – die Zecke am Menschen gerät etwas kleiner als die beim Hund. Ein häßliches Geschöpf, keinem erkennbaren Evolutions-Sinn zuzuordnen – es sei denn, um Herrn und Hund zu quälen.

Doch wenn es gälte, Einzelpreise für evolutionäre Spitzenleistungen zu vergeben – die Zecke käme bestimmt in die engere Wahl und könnte mit einem Platz auf dem Treppchen rechnen.

Die Zecke gehört zu den Milben, ist eine von den rund zehntausend bekannten Arten, die in 180 Familien gegliedert werden. Sie haben sich in rund 350 Millionen Jahren entwickelt, sind stets Parasiten gewesen. Milben übertragen Krankheiten wie die Frühsommer-Mengino-Encephalitis auf den Menschen oder das Q-Fieber auf Schafe und die Piroplasmose auf Rinder. Sie fressen Käse und Korn – aber dennoch sind sie erstaunliche Geschöpfe.