Kindergeschwätz

Warum sollen junge Leute nicht aufmüpfig sein? Warum nicht den Alten ein bißchen Beine machen? Also setzten sie sich hin und schrieben einen Rundbrief. "Kommunistische Lehrer haben an unseren Schulen nichts zu suchen. Die roten Lehrer, die von 8 bis 14 Uhr als beamtete Kommunisten auf uns Schüler losgelassen werden und von 14 bis 24 Uhr noch einmal als ‚nützliche Idioten Moskaus‘ (Zitat Lenin) offen gegen unseren Rechtsstaat zu Felde ziehen – wir wollen mit diesen Leuten nichts mehr zu tun haben. Viele von diesen Kommunisten sehen so aus, als kämen sie aus dem Busch und nicht aus einer Schule. Sie scheinen das Grundgesetz für einen Fehldruck zu halten oder mit dem Vorwort des kommunistischen Manifestes zu verwechseln. Sie wollen uns Jugendliche gegen das eigene Elternhaus und gegen den Staat aufhetzen – ja gegen alles, was sich nicht freiwillig dem Diktat Moskaus unterwirft. Die roten Lehrer verfälschen die deutsche Vergangenheit. Sie verschweigen uns all das, auf das wir als junge Deutsche stolz sein können: Friedrich den Großen, Bismarck, Konrad Adenauer. Sie verschweigen uns Goethe, Schiller, Humboldt, Lessing – und überfüttern uns mit Marx, Engels, Lenin, Grass und Böll. Sie beschimpfen unsere Väter als ‚ Nazi-Verbrecher‘, weil sie im Zweiten Weltkrieg Soldaten waren. Zum 8. Mai haben die kommunistischen Lehrer alles versucht, um unser deutsches Vaterland in den Schmutz zu treten. Viele unserer Mitschüler haben inzwischen Angst, sich gegen die kommunistischen Lehrer aufzulehnen. Wer gegen die Kommunisten ist, bekommt schlechte Zensuren, bleibt sitzen oder wird auf andere Weise bösartig schikaniert... Wir lassen uns das nicht mehr länger bieten. Wir wollen, daß in unseren Schulen endlich wieder deutsche Geschichte und Heimatkunde gelehrt wird. Wir wollen, daß jeder Schüler unsere Deutsche Nationalhymne kennenlernt."

Verfasser dieses Briefes sind halbe Kinder noch, Mitglieder der Konservativen Jugend Deutschlands, die unter den Fittichen des ZDF-Löwenthals aufgepäppelt werden. Sollen wir sie ernst nehmen?

Sensibel, aber nicht grün

Vor acht Wochen berichteten wir über eine Kleinanzeige in der Berliner tageszeitung, mit der die Grünen der Kaiserstuhl-Gemeinde Sasbach einen neuen Bürgermeister suchten. Der Bericht hatte ein großes Echo. Drei Tage nach seinem Erscheinen reagierte die Badische Zeitung, weitere zwei Tage später der Südwestfunk, der den Sasbacher Grünen Michael Sellner für die Sendung "Baden-Württemberg aktuell" befragte: Ob er nicht Angst haben müßte, daß Sasbach nun von Rauschebärten in lila Latzhose überschwemmt werde? Sellner verneinte. Die Überschwemmung ist dann auch tatsächlich nicht eingetreten. 26 Kandidaten aus dem Bundesgebiet und Berlin meldeten sich. Die Grünen entschieden sich "für einen typischen ZEIT- Leser", wie Sellner sagt, einen "gutbürgerlichen Linksliberalen", "sensibel, aber nicht grün". Karl-Heinz Köhler, der Auserkorene, ist 46 Jahre alt, verheiratet und hat zwei Kinder. Als Inhaber einer akademischen Buchhandlung in Saarbrücken fühlte er sich (so Sellner) "zu passiv", jetzt will er aktiv in die Politik einsteigen. Der offiziellen Kandidaten-Vorstellung am kommenden Freitag in der Turnhalle sehen die Sasbacher Grünen mit Spannung entgegen. Danach muß Köhler nur noch gewählt werden.