DIE ZEIT macht jeden dumm

Der Schriftsteller Rainald Goetz ("Irre") in einer Mammut-Rezension über Jörg Schröders Anthologie "März Mammut". Die Kritik ("Worum der ,Spiegel‘ sich drückt: Das drucken wir") ist erschienen in den "März"-Vorinformationen für Buchhandel und Presse, Juli-November 1985.

Wolfgangs Wahrheitslinie

Von allem Anfang an gab es keinen Zweifel daran, daß künstlerische Kontinuität nicht mit sporadisch zusammengerufenen vokalen und instrumentalen Kräften zu erreichen war. Dieser Befund war die Geburtsstunde des Ludwigsburger Festspielensembles, in dem der Süddeutsche Madrigalchor und das Orchester der Ludwigsburger Festspiele eine feste, über die Sommersaison hinausreichende Partnerschaft eingingen, die es Wolfgang Gönnenwein ermöglichte, Jahr für Jahr auf seiner Wahrheitslinie zu bleiben, die eine Mitte hält zwischen vorgeblicher Naivität und übertriebener Raffinesse und im Spannungsfeld der Argumente unmittelbare Überwältigung erzielen will. Denn Anspruch erzeugen heißt, sich ihm immer wieder stellen.

Das Ludwigsburger Festspielensemble, der Süddeutsche Maarigalchor und das Orchester der Festspiele sind zwar zu verschiedenen Zeiten und mit unterschiedlichen Zielsetzungen gegründet worden. Sie sind jedoch in einem Jahrzehnt gemeinsamer Aufgabenstellung zu einem Team zusammengewachsen, das mit feinnerviger Klugheit auf die Persönlichkeitsstruktur seines Dirigenten reagiert und seine vielfältigen künstlerischen Absichten verwirklicht.

Die immer wieder beschriebene spontane Überzeugungskraft des Süddeutschen Madrigalchores, hat zwei entscheidende Antriebskräfte. Zum einen ist es das aller, Pedanterie und musikalischem Temperenzlertum fernstehende Naturell seines Dirigenten, zum anderen die alle Chormitglieder einigende Gewißheit, daß ihr Ensemble im öffentlichen Musikleben ein vokales Kontrastprogramm zur dilettantischen oder bloß routinierten Erledigung von Musik darstellt.

Wenn die künstlerische Entfaltung Wolfgang Gönnenweins zum Dirigenten, Hochschulrektor, Festspielleiter und Generalintendanten der Württembergischen Staatstheater immer wieder als Bilderbuchkarriere beschrieben wird, so läßt sich dieser Bezeichnung nur wenig über die innere Konsequenz seines Aufstiegs entnehmen. Der 1933 in Schwäbisch Hall geborene Musiker wurde von Anfang an von einer unbeirrbaren Zielstrebigkeit und Sicherheit bei seinen Entschlüssen geleitet.