Was tun die Schüler heutzutage?

Beim Frühstück schauen sie fern, den Weg zur Schule schaffen sie nur mit Walkman im Ohr, in der Schule prasselt jede Menge theoretisches Wissen auf sie ein. Vereinsamung, innere Leere, fragmentarisches Leben sind die Folgen. Freiheit von dieser allgegenwärtigen geistlosen Kommunikation kann nur altes deutsches Liedgut gewähren. In den Worten des Kultusministers: „Die Schule muß heute nicht nur der Herausforderung der modernen Technologie gerecht werden, sondern auch Kreativität und künstlerische Aktivitäten entwickeln.“ Klare Sache, denkt man, Mayer-Vorfelder hat sich wieder zu Wort und Ton gemeldet – weit gefehlt, unser Kultusminister heißt Karl Schneider, ist Hesse, Sozialdemokrat und selber ein Symptom dafür, wie das Gefühlig-Heimatliche die SPD ereilt. Die CDU im Lande, immer auf der Hut vor List und Tücke, mag darüber nachsinnen, was dieser Coup wieder bedeutet. Stehen Neuwahlen bevor? Will Holger Börner konservatives deutsches Liedgut an sich reißen, so wie Johannes Rau den Stolz auf das eigene Land und die gute Laune mobilisiert?

Schaum vorm Mund

Der heilige Zorn hat Herbert Czaia, CDU-Bundestagsabgeordneter und Präsident des Bundes der Vertriebenen, bei der Lektüre eines Interviews gepackt, das der polnische Primas, Kardinal Glemp, der ZEIT gab (Nr. 25/1985). Im Deutschen Ostdienst ruft Czaja den Kardinal rabiat zur Ordnung. „Lieblos, ungerecht, ja unchristlich verletzend“ habe Józef Kardinal Glemp die Landsmannschaften angegriffen. Auf Glemps kühlen Satz, die Vertriebenenverbände behinderten eine „wahrhafte Verständigung“ zwischen Deutschen und Polen, weil sie „auf ziemlich künstliche Weise das Heimweh aufrechterhalten“, antwortet Czaja mit einer wüsten Kaskade von Beschimpfungen: Der Kardinal bemühe sich „weder um die Erfüllung des Liebes- noch des Gerechtigkeitsgebots“; er „manipuliert (...) die Geschichte und die nationalen Rechte der Deutschen“; er gehe „achtlos am Sittengesetz und positiven Recht vorbei“; von der „Rechtslage der Gebiete östlich von Oder und Neiße“ habe Glemp schlicht „keine Ahnung oder will sie nicht haben“. In seinem ZEIT-Interview fordert Kardinal Glemp: „Der Dialog muß weitergehen.“ Mit dem zeternden Czaja dürfte das Gespräch nicht ganz leicht werden.

Die Witwe spricht

Zweimal, 1945 und 1956, wurde Wladyslaw Gomulka erster Mann des kommunistischen Polen, zweimal, 1948 und 1970, stürzte er tief: beim erstenmal als „Rechtsabweichler“ in stalinistische Haft, beim zweitenmal als Verantwortlicher für den Danziger Arbeiteraufstand in das Reich der Unpersonen. Jetzt wird der 1982 Verstorbene rehabilitiert, ungewöhnlich genug, und – noch ungewöhnlicher – seine Witwe darf öffentlich vom politischen Kampf des KP-Führers erzählen, von dessen Auseinandersetzungen mit Stalin wie mit Warschauer „Parteifeinden“. Zofia Gomulka malt ein Heldenbild. Die Bilanz ihrer politischen Erfahrungen ist freilich nüchtern, den polnischen Verhältnissen von heute angemessen: „Wir machten von Anfang an einen Fehler mit der Annahme, daß jedem alles zusteht, eine Wohnung, kostenlose Ausbildung und Gesundheitsfürsorge, und das alles ohne Arbeitslosigkeit.“