Jubel und neues Entsetzen: Nach einem kurzen Erholungsaufenthalt in Frankfurt fliegen die 39 befreiten amerikanischen Geiseln heim in die Vereinigten Staaten; doch schon erschüttern neue Anschläge die westliche Welt. Im Zentrum Madrids zerfetzt eine Bombe im Stadtbüro der British Airways eine Frau, 25 Verletzte werden in Kliniken eingeliefert, drei von ihnen in Lebensgefahr. Kurz danach entschärfen Bombenexperten zwei Sprengkörper im benachbarten Bürogebäude der TWA. In Beirut bekennt sich eine „Organisation der Unterdrückten“ zu dem versuchten Anschlag auf das TWA-Büro. „Eine unmittelbare Antwort auf Ronald Reagans Drohung, gegen den Terrorismus loszuschlagen“, bedeutet ein Anrufer.

Nur fünf Minuten, nachdem die Gefahr bei der TWA beseitigt ist, durchsieben zwei Männer und eine Frau das Madrider Büro der jordanischen Luftlinie Alia mit Kugeln, werfen zwei Handgranaten in die Räume – die glücklicherweise nicht zünden. Rache für die Vermittlung Jordaniens während des Beiruter Geiseldramas?

Und wieder explodiert eine Bombe: auf dem römischen Flughafen Fiumicino. Fünfzehn Angestellte werden verletzt. Die Höllenmaschine befand sich in einem Koffer, der vermutlich aus Beirut kam und mit einer Alitalia-Maschine nach Neu Delhi „Weiterreisen“ sollte. Wiederholung des Sikh-Terrors, dem vermutlich vorige Woche ein Air-India-Jumbo mit 329 Menschen und fast gleichzeitig zwei Flughafenangestellte in Tokio zum Opfer fielen?

Nimmt der Terror kein Ende? Ein Anrufer aus Beirut: „Laßt Reagan wissen, daß wir die ganze Welt erreichen können, und daß wir nie wieder ruhig sein werden!“

„Die Welt wird heute vom Niemandsland des Terrors aus regiert“, behauptet Jean Baudrillard, Soziologie-Professor an der Universität Nanterre und Modedenker der achtziger Jahre. „Von diesem Ort, der in gewisser Weise extra-territorial ist, wird die Welt buchstäblich zur Geisel gemacht.“ Terror, meint Baudrillard, sei die Folge der Übersättigung eines gesellschaftlichen Systems, das Freiheit durch Sicherheit ersetzt hat. In nichtterritorialen Übergangszonen schlägt der Terrorismus zu. Das Flugzeug befindet sich daher in einer fatalen Situation: „Mit seinen Passagieren ist es eine Parzelle, ein herumirrendes Molekül eines feindlichen Territoriums, das heißt, es ist beinahe kein Territorium mehr, sondern fast schon Geisel – denn etwas als Geisel zu nehmen, bedeutet, es seinem Territorium zu entreißen, um es dem Gleichgewicht des Terrors zu überantworten“, einem System, in dem „die Welt kollektiv für die herrschende Ordnung verantwortlich gemacht“ wird.

Solche Überlegungen, die den Boden biblischen Gerechtigkeitsempfindens verlassen haben, verurteilte die Süddeutsche Zeitung als „moralische Falle“: „Altes Unrecht wird nicht dadurch wettgemacht, daß wir Neues verstehen und letztlich akzeptieren.“ Denn, so die – von vielen Staatsmännern und Publizisten geteilte – Logik des Leitartikels: „Verständnis wird das Scheusal nicht zähmen, sondern ermuntern.“

Die neue Welle von Gewalt im internationalen Flugverkehr hat, wie nach Mogadischu 1977, Regierungen und Sicherheitsbehörden des Westens alarmiert. In Montreal berief die Internationale Luftfahrtorganisation IATA eine Krisensitzung ein. Der amerikanische Vizepräsident George Bush machte Terrorbekämpfung zum Thema seiner Europareise. Dabei holte er sich, auch von Bundeskanzler Helmut Kohl, erneute Zusagen für eine verstärkte Zusammenarbeit der westlichen Industrienationen. „Aber das ist ja ein alter Hut“, meinte ein Beobachter in Bonn, „außer heißer Luft kommt dabei nie etwas heraus.“