Tierhaupt nichts mehr sagen“ wollte der Papst-Attentäter Ali Agça, nachdem ihn die Richter in Rom bei immer neuen Widersprüchen ertappt hatten, doch schon zieht er neue Register seines Verwirrspiels.

In Gesten und Tonfall immer mehr sein Opfer imitierend, verkündete Ali Agfa Anfang der Woche als Ergebnis einer „tiefen Gewissenserforschung“, daß er jetzt endlich die wirkliche Wahrheit sagen werde. So ist jetzt die Zahl seiner Mittäter auf dem Petersplatz auf drei angewachsen – allesamt Türken, zwei rechtsradikale und ein linksextremer, die in der Nacht vor dem Anschlag in einer Wohnung über der des bulgarischen Botschaftsangehörigen Aywtzow übernachtet haben sollen (Aywazow wohnte jedoch im obersten Stock), während Agça selbst – warum wohl? – in einer Pension wohnte.

Der mitangeklagte Bulgare Antonov, der bisher noch nicht zu Wort kam, gerät jetzt in Agças Aussage an den Rand. Zwar soll er die Mordschützen nach vollbrachter Tat gemächlich im Auto erwartet haben, doch wozu eigentlich, wenn diese, wie Agça jetzt behauptet, auch ihren eigenen Fluchtwagen mit deutscher Nummer in der Nähe geparkt hatten? Wozu überhaupt sollen bulgarische Botschaftsangehörige oder Agenten „aus der Deckung“ gegangen sein und sich direkt an der technischen Vorbereitung des Attentats beteiligt haben, wenn es vier Türken dafür gab?

„Die einzige sichere, konkrete Piste im Prozeß ist bis heute die türkische“, meint Staatsanwalt Marini. Und: „In der Anklage gegen die Bulgaren gibt es riesige Löcher“. Inzwischen hat Agça auch die entscheidende Zusammenkunft zur Attentatsplanung vom Hotel in Sofia in ein Züricher Hotel verlegt. Und seine Mordprämie von einer Million Mark soll nun nicht ein Bulgare, sondern ein türkischer Freund in München aufbewahren.

Plötzlich beginnt Agfa von Emanuela zu sprechen, jener Tochter eines Vatikan-Angestellten, die am 22. Juni 1983 verschwand – sechs Tage bevor Agça den Untersuchungsrichter ins Gefängnis rief und „auszupacken“ begann. „Graue Wölfe und Bulgaren haben sie entführt, um die westliche Presse zu erpressen; das sei vorher so verabredet gewesen“, sagt Agfa. Er leugnet, während seines Gefängnisaufenthaltes in Ascoli Piceno zur Belastung der Bulgaren überredet worden zu sein.

Eben dies aber behauptet vor Gericht in Neapel ein geständiger Camorra-Boß, der auch sonst merkwürdige Zustände im Gefängnis jener Abruzzen-Stadt bezeugt. Zwar leugnet der einstige Abwehrgeneral Musumeci (anderer Vorwürfe wegen vor Gericht), je mit Agca zusammengetroffen zu sein, doch laut Polizeibericht soll der Offizier noch einen Monat nach seiner Absetzung „in geheimer Mission“ in Ascoli Piceno aufgetaucht sein.

Will man Agfa also auch im Skandalgestrüpp Italiens Versteck spielen lassen? „Es ist wirklich alles seltsam“, murmelte der Killer vor kurzem, was ihn nicht hinderte, anzukündigen, er werde demnächst einen Toten auferwecken, sobald nur „der Vatikan anerkennt, daß ich Jesus Christus bin“. Da wirkte sein Mitangeklagter Celebi, der Türkenchef aus Frankfurt, geradezu phantasielos, als er in Rom versicherte: „Ich habe niemals die Gesetze der Bundesrepublik Deutschland verletzt.“ Hansjakob Stehle (Rom)