Von Theo Sommer

Zielstrebig und mit atemberaubender Geschwindigkeit baut Michail Sergejewitsch Gorbatschow seine Machtposition aus. Er placiert seine Vertrauensleute an die Schlüsselstellungen der Kreml-Apparatur. Er drängt mit bohrender Beharrlichkeit auf wirtschaftliche Reformen. Er fordert Leistung von dem verschlafenen Heer der Funktionäre. Und fünf Monate nach seinem Amtsantritt hat er sich nun auch der sowjetischen Außenpolitik bemächtigt, indem er Andrej Gromyko, den Altmeister der russischen Diplomatie, die Treppe hinauf in das Amt des Staatspräsidenten beförderte und eine fachfremde Provinzgröße an seine Stelle setzte. Im November will er sich mit Ronald Reagan treffen.

Was bedeutet der Wechsel im Moskauer Außenministerium? Wird sich jetzt die sowjetische Außenpolitik wandeln, wo ein anderer sie in die Hand nimmt?

Achtundzwanzig Jahre lang hat Gromyko in der Chefetage des verschnörkelten Hochhauses am Smolensker Platz residiert. Zuvor hatte er seinem Lande schon als Botschafter in Washington, bei den Vereinten Nationen, in London gedient. Die Welt kannte ihn als grimmigen Griesgram; seine Untergebenen nannten ihn hinter vorgehaltener Hand „Grom“ – den Donnerer. Namens der Sowjetunion legte er im UN-Sicherheitsrat fünfundzwanzig Mal ein Veto ein; das Etikett „Mr. Njet“ blieb bis heute an ihm haften. Kennedy log er während der Kuba-Krise schamlos ins Gesicht.

Als Außenminister fungierte und funktionierte Gromyko, wie ihm geheißen ward. Nikita Chruschtschow münzte einst den bösen Satz auf ihn: „Wenn ich ihm befehle, er soll sich auf einen Eisblock setzen, so tut er das ohne Widerrede und wird seinen Hintern nicht bewegen, bis der Eisblock geschmolzen oder er darauf angefroren ist.“ Von 1957-1968 war er der bärbeißige Vollzugsbeamte des Kalten Krieges, von 1969-1979 der lächelnde Anwalt der Entspannung. In den letzten Jahren, während drei Sowjetführer nacheinander zum Tode hinsiechten, warf er sich zum Lordsiegelbewahrer des russischen Nationalinteresses auf, wie er es verstand: ein harter Konservativer, mehr auf Abschottung bedacht als auf Öffnung, in der Konfrontation eher heimelig als in der Kooperation, Zuflucht suchend in der Unbeweglichkeit, solange sich hinter den Kremlmauern nichts bewegte.

Unterm Strich war Andrej Gromyko wohl ein großer russischer Außenminister, jedenfalls aus der Warte seiner Landsleute – einer, der sich würdig einreiht in die Tradition der Nesselrode und Gortschakow, mit denen Metternich und Bismarck einst zu tun hatten. Er hat Fehler begangen, gewiß. Japan verprellte er ohne Not; die Beziehungen zu China verfielen während seiner Amtszeit bis zur offenen Feindseligkeit; in Afghanistan versagte seine diplomatische Technik – aber in allen drei Fällen stand er in der Kontinuität der russischen Staatsräson. Sein Verhältnis zu Amerika war von Haßliebe bestimmt, und ob er neben Washington Westeuropa als eigenständige Größe betrachten oder es bloß als Hebel zur Beeinflussung der Amerikaner benutzen sollte, blieb ihm selber wohl stets zweifelhaft. Der Boykott der Olympischen Spiele und der Abbruch der Genfer Verhandlungen 1984 waren Eigentore. Doch ändert all dies nichts daran, daß sich unter Gromykos Ägide die Sowjetunion die Anerkennung ihrer Ebenbürtigkeit mit den Vereinigten Staaten erwarb. Das Rußland der Zaren war eine von fünf Großmächten, das Rußland von heute ist eine von zwei Supermächten. Gromyko darf sich durchaus brüsten, daß er dazu einiges beigetragen hat.

Es wäre naiv anzunehmen, daß sein Nachfolger die sowjetischen Interessen fundamental anders definieren werde. Die persönliche Handschrift mag sich ändern, doch nicht der Text. Was wir erwarten müssen, ist ein Fortwirken jener dlrei Faktoren, die seit 1945 die Politik des Kremls gegenüber dem Westen bestimmt haben: unauslöschliche geschichtliche Erinnerungen; ein ideologisch begründeter Hang zur Konfrontation; schließlich die praktische Notwendigkeit zumindest teilweiser Zusammenarbeit.