Von Heinz Josef Herbort

Wenn draußen auf der Förde die Gebrüder Wolf gang und Joachim Hunger oder die Italienerinnen Paola Porta und Anna Barabino mit ihren „470ern“ fünf Wettfahrten hintereinander als Erste beenden, die Deutschen damit sogar zum dritten Mal in direkter Reihenfolge die Kieler-Woche-Regatta in ihrer Klasse gewinnen, läßt sich, über das Glück hinaus, das Können der Tüchtigen mit der Stoppuhr messen. Wenn der erst siebzehnjährige Jens Olbrysch aus Wuppertal, der vor zwei Jahren noch in der „Optimisten“-Nußschale segelte, jetzt bei den „420ern“ am Ende unter 61 Teilnehmern Platz sechs erreicht, nachdem er dank guter Plazierungen sogar einen Tag lang führte, sind seine und seiner Funktionäre Zukunftshoffnungen nicht unberechtigt.

Wenn aber der legendäre Paul Elvstroem aus Dänemark, der schon sechsmal Weltmeister und viermal Olympiasieger (im Finn-Dinghy) war, mit Tochter Trine bei den „Tornados“ die letztjährige Kieler Woche gewann, jetzt am vorletzten Tag wie erwartet auf Platz eins vorstößt – und dann doch noch von den Schweden Marstroem und Söderqvist abgefangen wird, sprechen die einen vom Tribut an das Alter, die anderen von Ablösung, wird wieder diskutiert, was denn wichtiger sei, Taktik oder Geduld, Spontaneität oder Ausdauer, Cleverneß oder Routine.

Gehört alles dies, samt Glück und Hoffnung, zu dem, was wir als „Talent“ bezeichnen, als die „angeborene überdurchschnittliche Begabung für ein bestimmtes Gebiet“? Und was muß hinzukommen bis zur „umfassenden schöpferischen Begabung des Genies“ (Brockhaus)?

Wie gut immerhin, daß es für Sportler die Stoppuhr gibt.

Wenn drinnen im Konzertsaal des Kieler Schlosses fünfzehn Preisträger von „Jugend musiziert“ auftreten, haben sie sich über Regional-, Landes- und Bundeswettbewerb unter die Besten der Bewerber dieses Jahres hochqualifiziert. Wie lange kann der Glanz dieses Aufstiegs bestehen? Wenn junge Musiker aus Kiel und seinen Partnerstädten das Rahmenprogramm eines Wissenschaftlichen Kongresses bestreiten, läßt sich hören, daß sechs Sätze eines Quartettes die jugendlichen Hornisten noch überfordern. Wäre deren Begabung ehrlicher vorgeführt, wenn sie nur zwei Sätze zu spielen gehabt hätten? Wenn in den Aulen dreier Kieler Gymnasien Jugend-Kammerorchester aus den Ostsee-Anrainerstaaten sich mit je einem Werk aus Klassik, landeseigener Romantik oder Moderne einem Vergleich stellen und die zwanzig (Noch-)Amateure der Musikschule Helsinki den Preis gewinnen, haben ihre Präzision, mehr aber noch die Lebendigkeit und Intensität ihres Spiels die Jury stärker beeindruckt als die der anderen Ensembles. Waren aus dieser vortrefflichen Gruppe Talente herauszuhören? Zeigten sich „angeborene überdurchschnittliche Begabungen für ein bestimmtes Gebiet“??

Gibt es auch eine musikalische Stoppuhr? Die Verantwortlichen im Deutschen Segler-Verband plagen im Grunde die gleichen Sorgen wie den Deutschen Musikrat: Begabungen wollen entdeckt und müssen aufgebaut werden. Aber beide Institutionen kultivieren auch ihr kleines demokratisches Skrüpelchen: Die Pflege der Spitzenbegabungen soll nicht zu deutlich zu Lasten der „Breitenförderung“ gehen. Gibt es einen Ausweg aus dem Dilemma?