Auf steilem Weg nach oben

Von Aloys Behler

Wer allzu rasch nach oben kommt, kann leicht tief stürzen. Besorgt trug Günther. Bosch, der Trainer des jungen deutschen Tennisstars Boris Becker, dieser Weisheit Rechnung und leistete händeringend Sisyphusarbeit in der Abwehr von Vorschußlorbeer: Nein, sie seien nicht nach Wimbledon gekommen in der Absicht, diesmal schon zu siegen, sondern nur, um die Grundlage zu legen für künftige Siege.

Boris Becker, von den Englandern wegen seines kraftvollen Stils schon liebevoll als "Bumbum-Boris" vereinnahmt, zeigte sich gut beraten und machte vor der Presse in Wimbledon eine smarte Verbeugung: "Ich bin hier doch ein Niemand. Und wenn ich nachher etwas mehr bin als ein Niemand, bin ich sehr froh."

Etwas mehr als ein Niemand – das ist Boris Becker inzwischen ohne Zweifel. Innerhalb eines Jahres rückte der junge Mann, der nach der mittleren Reife aus seiner baden-württembergischen Heimat aufbrach, als Tennisprofi die Welt zu erobern, von einem Platz weit hinten in der Etappe der Computer-Weltrangliste unter die zwanzig Besten vor. Er tat es in einer Manier, die auch bei den Verantwortlichen des Deutschen Tennisbundes, obwohl sie vor allzu hohem Erwartungsdruck und den unvermeidlichen Rückschlägen warnten, euphorische Stimmung auslöste. "Wir haben jahrelang auf einen solchen Spieler gewartet. Ich glaube, jetzt haben wir ihn gefunden", jubelte der DTB-Sportdirektor Günter Sanders, ein Mann, der von Amts wegen an Enttäuschung gewöhnt ist.

An Enttäuschungen gewöhnen müssen hatte sich auch die immer noch wachsende Gemeinde der Tennisfans in der Bundesrepublik, die seit bald zwei Jahrzehnten das Andenken an Wilhelm Büngern Wimbledon-Taten konserviert. Obwohl die deutschen Tennisfreunde mit inzwischen über 1,6 Millionen Mitgliedern den stärksten Tennisverband der Welt bilden, rissen deutsche Spieler – im Gegensatz zu den weitaus tatkräftigeren deutschen Spielerinnen – auf den internationalen Center Courts keine Bäume aus. Talente gab es in Fülle, doch verschwanden die meisten, ohne international je eine Hauptrolle zu spielen.

Als im Frühsommer 1984 in der deutschen Turnierszene der rötlich-blonde Schopf des Boris Becker zu leuchten begann, schien sich darunter zunächst auch nicht mehr zu verbergen als dies: ein Talent. Doch dauerte es nicht lange, bis die Experten rundum raunend feststellten, daß hier offenbar ein Talent von anderem Kaliber angetreten war. Über Boris Becker, "Baby" Boris, den Sechzehnjährigen aus der baden-württembergischen Talentschule Leimen, der mit seinem Lausbubengesicht unter der Schiffermütze daherkam wie ein Vetter von Max und Moritz, waren sich die Fachleute bald einig: So einen wie ihn hat es hierzulande noch nicht gegeben.

Auch den internationalen Spähern blieb das Talent nicht verborgen. Der Rumäne Ion Tiriac gewann das Wettrennen der Manager und Managing Groups; nach einem wie Boris Becker hatte er lange gesucht. Tiriac verpflichtete den Trainer Günther Bosch, bis dahin Bundestrainer, allein für die Arbeit mit Becker und inszenierte auch im übrigen die Profikarriere nach allen Regeln der Kunst. Nicht zum reinsten Vergnügen des Deutschen Tennisbundes, der zum Beispiel erleben mußte, daß Tiriac ein Grand-Prix-Turnier in Las Vegas den Internationalen Meisterschaften von Deutschland am Hamburger Rothenbaum vorzog, weil er Beckers Teilnahme in Las Vegas für wichtiger hielt.

Auf steilem Weg nach oben

Die Ergebnisse waren überzeugend. Wann immer Boris Becker gegen einen der ganz Großen spielte, gegen McEnroe, gegen Wilander, gegen Noah, verhehlten sie nachher nicht ihren Respekt. Jimmy Connors rief ihn nachts in Philadelphia in seinem Hotel an, um sich mit ihm für den nächsten Morgen zum Training zu verabreden – wann je ist einem deutschen Tennisspieler solche Ehre widerfahren?

Vom "Wunderkind" sprachen die englischen Zeitungen nach Beckers Sieg beim Junior-Masters-Turnier in Birmingham im Frühjahr. Und als er ausgerechnet im berühmten Londoner Queen’s Club, wo alljährlich die Generalprobe für Wimbledon stattfindet, das erste Grand-Prix-Turnier seines Lebens gewann, war Boris Becker, in den Augen seines besorgten Trainers "ja immer noch ein Kind", als Tennisprofi endgültig erwachsen geworden: ein "Kind", achtzig Kilo und einsneunzig vom Scheitel bis zur Sohle, das seinen Gegnern aus luftiger Höhe gewaltige Asse um die Ohren schlägt.

Noch sei der junge Mann, sagt Trainer Bosch von ihm, allerdings leicht zu beeindrucken. Auf seinem steilen Weg nach oben war nicht genug Zeit, das Staunen über die Spielstärke anderer zu verlernen, und so fällt es ihm gelegentlich schwer, sich vorzustellen, wie er gegen solche Könner eigentlich gewinnen soll. Wo Gefahr besteht, daß der Respekt ihn lähmt, sorgt deshalb der Trainer dafür, daß Boris seinen nächsten Gegner gar nicht erst persönlich studiert – er tut es dann für ihn.

Zwar scheint das Talent schneller zu reifen als gedacht, doch gehen Tiriac und Bosch nach wie vor pädagogisch äußerst behutsam mit ihm um. Die Psyche eines 17jährigen Jungen, der monatelang fern dem Elternhaus aus dem Koffer leben muß, ist noch nicht stabil. Rückschläge dürfen also sein, Niederlagen sind einkalkuliert, ja, werden beinahe sogar begrüßt als Stufen im Reifeprozeß. Noch ist der Champion, den Manager und Trainer sich vorstellen, erst in Umrissen erkennbar.

Doch wie auch immer Boris Beckers weiterer Weg verlaufen wird, für das deutsche Tennis und dessen künftige Entwicklung stellt er schon heute eine Art Prototyp dar. In ihm, in der Art, wie er dieses Metier anging, wird eine professionelle Mentalität deutlich, wie sie der an Traditionen orientierten Spielschar des deutschen Tennis bislang ziemlich fremd war. Sein Beispiel wird Schule machen, hat spürbar jetzt schon andere deutsche Spieler animiert und aktiviert.

Der Deutsche Tennisbund, bisher durch und durch ein Amateurverband, wird sich nicht leicht tun, den Wandel im Denken nachzuvollziehen, der hier vorgeführt wurde. Den Verhältnissen hierzulande eilte Becker ein Stück voraus: mit eigenem Manager, eigenem Coach, eigenem Kopf ist er der erste wirklich emanzipierte deutsche Tennisprofi. So entschlossen hat sich vor ihm keiner von den schützenden, aber auch einengenden Rockschößen des Verbandes losgesagt.

Die Szene nach seinem Sieg im Londoner Queen’s Club hatte Symbolcharakter: Auf der Trophäe, die Becker in den Armen hielt, stand eingraviert auch der Name Gottfried von Cramms, des letzten Deutschen, der – im Jahre 1939 – dieses Turnier gewonnen hatte. Becker stellte 46 Jahre später den Anschluß her an die durch von Cramm repräsentierte größte Zeit des deutschen Tennis, aber er setzte damit zugleich auch eine Zäsur: Es scheint, als ginge die Ära der Amateure des ehemals weißen Sports, die Zeit, da Tennis noch leidenschaftliches Hobby war und sonst gar nichts, auch hier jetzt wirklich zu Ende.