Von Margrit Gerste

Vom 15. bis zum 26. Juli werden sich Frauen aus aller Welt in Nairobi, der Hauptstadt von Kenia, versammeln, um über "Gleichheit, Entwicklung und Frieden" zu diskutieren. Diese dritte Weltfrauenkonferenz der Vereinten Nationen wird die von der Uno 1975 ausgerufene Dekade der Frauen beenden.

Schon fünf Tage vorher wird auf dem Gelände der Universität von Nairobi das "Forum" beginnen: Frei von den Zwängen, in denen – bis zur Immobilität – die Regierungsdelegationen stecken, werden Non-governmental Organisations (NGO) am weltweiten Netz weiblicher Solidarität knüpfen. Das "Forum" mit seinen schier unerschöpflichen Möglichkeiten zur freien Rede wird das weitaus wichtigere, interessantere Ereignis sein: Es wird Bindungen schaffen, Verbundenheit freilegen jenseits kultureller Fremdheit, ideologischer Feindschaft, neokolonialistischer Ausbeutung. Den Mitgliedsstaaten der Uno aber ist es bislang in zweijähriger Vorarbeit noch nicht einmal gelungen, sich auf ein Konferenzpapier zu einigen.

Der Anfang vor zehn Jahren in Mexico City sah nicht gut aus. Als Frau Sadat das Podium der Vereinten Nationen betrat, verließ Frau Rabin samt ihrer westlichen Verbündeten den fahnengeschmückten Saal – die Präsidentenfrauen könnten sich den Zwängen einer männlich verhunzten Welt nicht entziehen, in ihrem Verhalten symbolisierten sie, was es doch abzuschaffen galt: bloß "their masters’ voices", die Stimmen ihrer Herren, zu erheben.

Fremd blieben sich auch die Frauen aus Nord und Süd: Mit dem radikalen Feminismus ihrer Schwestern, der nicht frei war vom Männerhaß, konnten Frauen aus der Dritten Welt nicht leben. Einem "Weltaktionsplan" konnte, unter anderen, die Bundesrepublik nicht zustimmen, weil darin der Zionismus gebrandmarkt und mit Rassismus gleichgesetzt wurde.

Das gleiche wiederholte sich fünf Jahre später, 1980, in Kopenhagen. Im erbitterten Kampf um Begriffe, um Macht in Nahost, entgleiste die zweite Weltfrauenkonferenz zu einem ganz gewöhnlichen UN-Spektakel. Die Zwischenbilanz in Daten, die das Schicksal der Frauen skizzieren, blieb niederschmetternd: Zwei Drittel aller Analphabeten auf der Welt sind Frauen; obwohl Frauen 50 Prozent der Weltbevölkerung und ein Drittel aller statistisch erfaßten Arbeitskräfte stellen, obwohl sie zwei Drittel aller Arbeitsstunden leisten, erhalten sie nur ein Zehntel des Welteinkommens, gehört ihnen weniger als ein Prozent des Weltbesitzes. Im übrigen, so konstatierte die UN-Frauenkommission, fehle es überall am politischen Willen, die Lage der Frauen zu verbessern; Frauen seien an politischen Entscheidungen kaum beteiligt, daher würden auch ihre Bedürfnisse beharrlich mißachtet.

Diese Erkenntnis, gefördert durch eine Flut von Reports, Studien, durch internationalen Meinungsaustausch und ein nun schon weltweites Netz äußerst aktiver Frauenorganisationen, hat die Frauen aus Nord und Süd, Ost und West solidarischer gemacht. Nicht das Beinahe-Scheitern der Kopenhagener UN-Konferenz, nicht die Verabschiedung einer von allen Mitgliedsstaaten getragenen Konvention zur Beseitigung jeglicher Diskriminierung verdient Aufmerksamkeit; sie gebührt vielmehr der wachsenden Einsicht von Frauen, wo immer sie auch leben, wie dramatisch verschieden ihr Alltag ist, der Einsicht in die Ursache ihres gemeinsamen – und veränderbaren – Schicksals: das Patriarchat, das überall alles, was Frauen sind und was Frauen tun, als minderwertig, nicht so wichtig, einstuft. Arbeit, die Frauen verrichten, genießt wenig Sozialprestige, wird schlecht bezahlt; Arbeit, die niedrig oder gar nicht bezahlt wird, ist "Frauenarbeit", ob in Afrika die Landwirtschaft, in der Sowjetunion der – weiblich dominierte – Arztberuf oder weltweit Hausarbeit und Kindererziehung.