In Hof, am Rande der Republik, gilt die Maxime: Mehr sein als scheinen

Von Gerhard Spörl

Gleich um die Ecke hat Jean Paul gewohnt, und die Hofer Kleinstadtpätrizier des 18. Jahrhunderts vermuteten, schon damals nicht ungeübt im Argwohn, daß die Namensänderung ins Französische bedeute, da wolle einer nichts mit ihnen zu tun haben. Dabei blieb Jean Paul keineswegs ungern, was er nun einmal war: ein deutscher Schriftsteller aus Hof, das er nicht umsonst seinen geistigen Geburtsort nannte. Hier war er arm, ein einsamer Narr, der um so mehr an sich selber glaubte, je mehr er sich zum Gespött der Leute machte. Es hat ihn auch nicht umgeworfen, daß er vor den wohlhabenden, angepaßten Großschreibern in Weimar weder gesellschaftlich noch literarisch bestehen konnte. „Fremd wie einer, der aus dem Mond gefallen ist“, bemerkt Schiller verächtlich über den angereisten jungen Herrn Paul. Nein, der Mann hatte sich zu Fuß in Hof aufgemacht. Er kehrte ausgelacht, doch ungebrochen dorthin zurück. Da hat sich einer nicht beirren lassen, zog sich von Zeit zu Zeit in ein Häuschen an der Saale zurück, das nicht ihm gehörte, mit weitem Blick auf die Flußniederung und die Vorstadtinseln. Schließlich stellten sich Ruhm und Anerkennung ein, als ginge es gerecht zu in der Welt.

Institution „Werschdlamo“

Das Hofer Gymnasium, das Jean Paul seit 1779 besuchte, ist nach ihm benannt. Es gefiele ihm nicht, da bin ich sicher. Ganz schnell ist es nämlich zur höheren Schule der höheren Söhne und Töchter geworden, die spüren lassen, daß man nicht nur wer ist, sondern auch woher kommt. Deshalb wäre Jean Paul einer von uns gewesen, ein ehrgeiziges Kleinbürgerkind auf der Oberrealschule der sechziger Jahre, das beharrlich ins Freie strebt und nicht aus dem Staunen herauskommt, wieviel Hoferisches in ihm steckt.

Das Hoferische, das ist ein stilles, starkes Beharrungsvermögen und die Übereinkunft, sich lieber zu bescheiden, als zu scheitern. Und der Inbegriff dieses Hofers, der findet sich in der Jetztzeit an eigens dafür vorgesehenen Winkeln und Nischen der Innenstadt, ein Monument seiner selbst, ein Vorbild an Bodenständigkeit und starkem Revierverhalten: der „Werschdlamo“ (der Würstchenmann). Der hat eine schwere Lederjacke an, darunter eine weiße Schürze, auf dem Kopf eine lederne Schirmmütze, im Winter mit Ohrenschützern. Sein Produktionsmittel hängt ihm an breitem Lederband um den Hals: ein kupferner Kessel, jeder einzelne in Handarbeit gefertigt vom Kupferschmied, mit Kohle geheizt, darin die „Werschdla“: Weiß-, Bauern-, Wienerwürstchen, erst der gemeinsame Sud verleiht den unnachahmlichen Geschmack. Zur Rechten abgestellt ist der Semmelkorb, diskret versteckt eine Tüte mit Holzkohle.

Der „Werschdlamo“ ist eine Hofer Institution seit mindestens hundert Jahren. Er verkauft seine Ware nicht, er reicht sie mit innerer Bewegung, als sei er immer wieder gerührt von sich und dem, was er aus dem Kessel herausholt. Der Käufer ist kein gewöhnlicher Kunde, er bereitet sich still und geduldig auf den Genuß vor: Klappe auf, Gabel hinein, das Brötchen aufgeschnitten, den Senf sorgsam auf die eingelegten Würstchen geschmiert. Der „Werschdlamo“ verliert kein überflüssiges Wort; er vergißt aber auch nicht, den Vorgang in dürren Worten an seinen entscheidenden Stellen zu benennen. Bestellung: „A boor Weißa, bidde.“ – Bestätigung: „A boor Weißa“ (Klappe hoch). – Etappe: „Sooo“ (Senf auf die Würstchen). – „Do senn die Weißen, mei Scheener / junga Fraa / der Herr.“