Manchmal habe ich das Gefühl, überhaupt nicht von der Stelle zu kommen, stöhnt Neuling Edgar, dem die undankbare Aufgabe zugefallen ist, alle Post des promovierten Theologen, Bildhauers und Emigranten Werner Feldhagen zu bearbeiten, und wirklich, es gibt Tage, an denen auch der Klügste ratlos über seinem Schreibtisch brütet.

Kaum war Werner Feldhagen jedenfalls nach Amerika ausgewandert, begann er uns auch schon auf den Geist zu gehen, und zwar auf den Geist zu gehen durch eine unablässige Flut von Briefen mit unsererseits völlig unangeforderten Mitteilungen über angeblich nur in den USA machbare Erkenntnisse, wie etwa der folgenden.

Ideologische Kulturversumpfung, äußerte sich Werner gleich in seinem ersten Brief, welcher noch deutlich die geistige Handschrift der Runde trägt, so jedenfalls Edgars Notiz, und von dem Ludger Jäkel stringent behauptet, er sei bereits im Flugzeug nach Amerika verfaßt worden, aber Ludgers Unterstellung tut hier wenig zur Sache, ideologische Kulturversumpfung, polemisierte Werner Feldhagen also egal von wo drauf los, sei weniger symptomatisch für inflationäre Toleranz, schön wär’s, so Werners stehender Lieblingsausdruck, sondern im Gegenteil biete dieses moderne Phänomen eklatante Anzeichen einer perfektesten und subtilsten, nämlich strukturellen Zensur; ein zugegeben heller Gedanke des frisch Ausgewanderten, welcher an Ludger Jäkels Bonmot von der Pressefreiheit als höchster Stufe der Diktatur erinnert.

Der gelernte Hutmacher Ludger Jäkel, als heutiger Strukturalist und ehemaliger Poststrukturalist mit der Thematik bestens vertraut, war es übrigens auch gewesen, der Werner Feldhagen durch das bloße Unterschieben eines Bremerhavener Zeitungsartikels beinahe vom Auswandern abgebracht hatte. In dem besagten Zeitungsartikel war von einem Blinden die Rede gewesen, den die Bremerhavener Verkehrspolizei gesichtet und keine fünfhundert Meter weiter gestellt hatte. Neben dem Blinden, so stand zu lesen, war ein betrunkener Schlesier gesessen, welcher den übrigens von Geburt auf Blinden überredet gehabt hatte, liebenswürdigerweise das Steuer seines Wagens zu übernehmen, nachdem er sich selbst, eben aufgrund exzessiven Alkoholkonsums, zu dem übrigens wiederum der Blinde den Heimatvertriebenen eingeladen haben soll, nicht mehr in der Lage gesehen habe, sein Automobil regelrecht zu lenken.

Der Blinde jedoch, welcher naturgemäß völlig nüchtern gewesen sein soll, hatte dem Vorschlag des jovialen Breslauers unter der strengen Bedingung zugestimmt, daß dieser ihm während des Fahrtvorganges nur die präzisesten Anweisungen gäbe. Ob nun die Schlangenlinien, durch welche die Bremerhavener Verkehrspolizei auf das Fahrzeug aufmerksam wurde, eher auf die fehlende Fahrpraxis des Blinden oder vielmehr auf die beschwipsten Befehle des Schlesien zurückzuführen sind, steht hier nicht zur Debatte. Es bleibt lediglich zu bemerken, daß jenes suggestive Einbringen dieses Bremerhavener Zeitungsartikels in Werner Feldhagens Entscheidungsprozeß den letztendlichen Entschluß des Auswanderers vorübergehend gehörig ins Wanken gebracht hatte.

Die Briefe Werner Feldhagens aus den USA wurden jedoch mit zunehmender Dauer seines Ausbleibens immer dümmer, sagen die einen, immer amerikanischer, sagen die anderen, und es dauerte auch keine vier Wochen, da hatte Ludger Jäkel Werner Feldhagen fallengelassen, versuch’s du mal, Edgar, waren Ludgers Worte gewesen.

Nachdem nun bereits ein Dreivierteljahr ins Land gegangen ist, seit Harry Wallmanns Komilitone Werner in die Staaten geflogen ist, hat ihn letzten Monat ein betont simulierter Friedensmarsch nach Boston, Massachusetts geführt, wo der ungebetene Korrespondent prompt ansässig wurde. Wenigstens nicht mehr New York, atmete Edgar auf, aber Werners Briefe wurden davon nicht klüger. Bis uns vorgestern der erste Brief des Theologen seit langem erreichte, der es, allein durch den oft monatelangen Vorsprung amerikanischer Fernsehserien gegenüber ihrer deutschen Ausstrahlung, lohnt, im Wortlaut wiedergegeben zu werden.