Der Berliner Verleger trennt sich von 49 Prozent der Aktien seines Konzerns

Einen Erben hatte er gesucht, doch nun muß er sich mit simplen Geldanlegern zufriedengeben, mit Kapitalgebern, die sich um Erträge und Dividenden scheren, denen die Grundsätze aber, auf die der Verleger Axel Springer sich und sein Unternehmen, seine Objekte und seine Mitarbeiter bedingungslos verpflichtete, ganz gleichgültig sind.

Der Einschnitt, den der Springer-Verlag am Montag dieser Woche, dem 1. Juli, vollzog, ist tief. Knapp die Hälfte des Aktienkapitals von insgesamt 170 Millionen Mark ist allen Kunden der Deutschen Bank angeboten worden. Nur die potente Kundschaft war freilich angesprochen, denn es mußten mindestens 100 Aktien zum; Preis von 335 Mark gezeichnet werden.

Das Springer-Papier, das als Spezialität vom Herbst an die heimischen Börsen bereichern wird, war heiß begehrt und muß nun zugeteilt werden, obwohl die Rechte der künftigen Aktionäre recht eingeschränkt sind. Für die Verwendung des Bilanzgewinns ist eine Dreiviertel-Kapitalmehrheit in der Hauptversammlung notwendig. Für eine Änderung der Grundsätze, das „Eintreten für die friedliche Wiederherstellung der deutschen Einheit in Freiheit, die Aussöhnung zwischen Juden und Deutschen, die Ablehnung jeglicher Art von politischem Totalitarismus und die Verteidigung der freien sozialen Marktwirtschaft“, bedürfte es gar einer Vierfünftel-Mehrheit.

Um auch noch das letzte Risiko unerwünschter Veränderungen auszuschalten, wählte der Verleger einen weg, der es ihm erlaubt, sich die Aktionäre selbst auszusuchen: den der vinkulierten Namensaktie. Damit ist jeder künftige Erwerber eines Springer-Papiers von der Zustimmung des Vorstandes nach Richtlinien des Aufsichtsrates abhängig. So bleibt der Aktionärskreis überschau- und kontrollierbar.

Und dennoch: Für das Verlagshaus Springer endete am Montag eine Ära. Denn das Familienunternehmen, das sich zwar nur von 49 Prozent seines Einflusses trennt und in seinen unternehmerischen und verlegerischen Entscheidungen damit unabhängig bleibt, muß sich nun ein Stückchen öffnen für Einflüsse und Vorstellungen von außen. Die Kapitalgeber, mögen sie dem sendungsbewußten, konservativen Verlagsherren politisch noch so nahestehen, haben eben vor allem wirtschaftliche Interessen. Und sie werden ihre Interessen künftig auch im neunköpfigen Aufsichtsrat vertreten, der freilich mit fünf Springer-Garanten besetzt ist: mit Friede Springer, der Frau des Gründers, den Verlegern Hubert und Frieder Burda, die seit 1983 mit 24,9 Prozent beteiligt sind, dem Springer-Journalisten Ernst Cramer sowie dem Springer-Anwalt Bernhard Servatius.

Auch für Axel Springer selbst geht nun eine Ära zu Ende: Die so lange und doch vergebliche Suche nach einem Erben. Seit 1970 hat der heute 73jährige Verleger und Konzernherr den Plan verfolgt, sein Haus zu bestellen. Zunächst war es der Gütersloher Buchgigant Bertelsmann, dem Springer ein Drittel seines Unternehmens anvertrauen wollte. Doch der Handel, obschon perfekt, hielt nur einen Sommer. In einem Brief an Bertelsmann-Chef Reinhard Mohn gab Springer damals einige Aufschlüsse über seine Beweggründe: Er habe gehofft, „mein Lebenswerk gesichert sehen zu können im engen Zusammengehen mit einem vom Ursprung und der Überzeugung sehr ähnlichen Unternehmen“. Doch diese Hoffnung trog, denn Bertelsmann war schon an dem liberalen Hamburger Zeitschriften-Verlag Gruner + Jahr beteiligt, und diese Verbindung hatte das Gütersloher Unternehmen nicht lösen wollen. Seine Überzeugung aber/setzte Springer stets vor finanzielle und ökonomische Erwägungen.