Wirtschaftswachstum gilt immer noch als Schlüssel zum Erfolg. Doch wir leben nicht mehr in den fünfziger Jahren.

Eine Zahl, zwei Meinungen: Die Bundesregierung und ihre Sprecher betrachten es als einen Erfolg ihrer Wirtschaftspolitik, daß auch im nächsten Jahr mit einem Wachstum der gesamtwirtschaftlichen Leistung um real 2,5 Prozent gerechnet werden kann. Diese Erwartung ist auch einer der Eckpfeiler, auf denen die Einnahmeschätzungen für den jetzt vom Kabinett verabschiedeten Entwurf des Bundeshaushalts 1986 ruhen. Professor Hans-Jürgen Krupp, Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin, bezeichnet dagegen eine derartige Zunahme des Bruttosozialprodukts als „lächerlich“. Vor dem Hintergrund der Massenarbeitslosigkeit könne eine Wachstumsrate von 2,5 Prozent nicht als Erfolg und Zeichen eines anhaltenden Aufschwungs gefeiert werden.

Damit hat der Berliner Ökonom sicherlich recht. Unabhängig von der jeweiligen politischen Couleur sind sich heute alle Fachleute einig, daß das größte soziale und wirtschaftliche Problem der achtziger Jahre, die inzwischen chronisch gewordene Massenarbeitslosigkeit, mit Wachstumsraten dieser Größenordnung nicht zu überwinden ist.

Wirklich lächerlich ist aber eigentlich nicht eine Wachstumsrate von 2,5 Prozent, sondern vielmehr die Bedeutung, die dieser statistischen Größe noch zugemessen wird. Ähnlich wie in den fünfziger Jahren gilt sie weithin noch als Schlüsselgröße, an deren Entwicklung sich Erfolg oder Mißerfolg der Wirtschaftspolitik ablesen lassen. Doch diese Bedeutung hat die Wachstumsrate in Wirklichkeit längst verloren. Sie ist als Maßstab für Wirtschaftlichen und sozialen Fortschritt heute kaum besser geeignet als die mit Recht belächelte „Tonnenideologie“ der sozialistischen Staaten, die dazu verführt, ökonomischen Erfolg schlicht an Zahl und Gewicht der produzierten Güter zu messen. Ob die Produkte auch zu verkaufen sind, spielt bei dieser Betrachtungsweise keine Rolle.

Bei der herkömmlichen Wachstumsrechnung ist das nicht sehr viel anders. Bei ihr wird zunächst einmal übersehen, daß eine Steigerung der gesamtwirtschaftlichen Leistung um 2,5 Prozent heute real mehr bedeutet als 1950 eine Erhöhung um zwanzig oder 1960 um fünf Prozent. Wichtiger aber ist, daß eine höhere Qualität der Produkte sowie eine steigende oder sinkende Belastung der Umwelt von der herkömmlichen Rechnung ebensowenig widergespiegelt werden, wie die immer größere Bedeutung der Schwarz- und Eigenarbeit. Unberücksichtigt bleibt auch der Wert einer wachsenden Freizeit.

Die Liste der Einwände gegen die herkömmliche Wachstumsrechnung ließe sich noch erheblich verlängern. Das hindert aber kaum jemand daran, selbst die Veränderungen hinter dem Komma aufgeregt zu kommentieren – so als lebten wir in einem Entwicklungsland oder noch in der ersten Nachkriegsperiode. Damals kam es in der Tat vor allem darauf an, die Quantität der Produktion zu steigern, damit erst einmal jeder ein Dach über dem Kopf sowie genügend Essen und Kleidung hatte. In einer Zeit der Überproduktion an Wohnraum, an Nahrungsmitteln, Schiffen, Stahl oder Textilien dagegen ist diese Fixierung auf materielle Wachstumsraten nicht nur lächerlich. Sie ist auch gefährlich, weil dies ständig zu falschen wirtschaftspolitischen Schlußfolgerungen und Maßnahmen verleitet.

Abschied vom herkömmlichen Denken in Wachstumsraten haben wir bisher nur im Agrarbereich genommen. Daß eine Steigerung der Quantitäten in der Landwirtschaft eher Plage als Wohltat bedeutet, weiß heute jeder. Die Bemühungen der Politiker sind denn inzwischen auch eher auf Schrumpfung, denn auf Wachstum gerichtet. Und auf die Idee, das Problem der Arbeitslosigkeit dadurch lösen zu wollen, daß im Agrarsektor eine Wachstumsstrategie betrieben wird, käme wohl kaum noch jemand. Von der Industrie dagegen erwarten wir immer noch, daß sie über ein Mengenwachstum das Beschäftigungsproblem lösen hilft. Darauf werden wir vermutlich noch lange warten. Michael Jungblut