Von Ulrich Schiller

Washington, im Juli

Jetzt, da die Geiseln wieder frei und zu Hause sind, ist es, als sei von einem Dampfkessel der Deckel abgehoben worden. Amerika brodelt im Nacherleben des Dramas. Aufgestaute Emotionen drängen ins Freie, Freude und Dankbarkeit prallen hart auf Zorn und Enttäuschung. Die Regierung sucht Ventile zu schaffen und die Empörung der Terrorismusbekämpfung in eine langfristige Strategie zu kanalisieren, die die ganze Nation unterschreiben würde.

Es war der ehemalige Unterstaatssekretär Lawrence Eagleburger, der in einem der zahlreichen Fernsehdispute die Bemerkung fallen ließ: "In diesem Fall kann jeder einen Sieg beanspruchen." Eagleburger hob darauf ab, daß die Amal-Schiiten die Entlassung der Geiseln als einen Sieg ihrer Sache feierten, daß Nabih Bern aus dem Dunkel der Beiruter Wirren zu internationaler Prominenz aufzusteigen vermochte, daß Präsident Assad erneut Macht und Einfluß Syriens unter Beweis gestellt hat, daß Israel, ohne sichtbarem Druck gewichen zu sein, die Entlassung der schiitischen Gefangenen scheinbar nach eigenem Zeitplan fortsetzen kann und daß Präsident Reagan bis auf den ermordeten Marinetaucher die entführten Passagiere samt der Crew der TWA-Maschine zurückbekam, ohne sich mit den Terroristen einzulassen. Ganz zu schweigen von den Hijackern aus den Reihen der extremistischen "Hizbollah" (Partei Gottes), die nun im Vollgefühl eines Sieges schwelgen.

Dem FBI ist es in stundenlangen Gesprächen mit den entlassenen Geiseln gelungen, ein "Profil" der Entführer zu erstellen und aus anderen Quellen umfangreiche Kenntnisse über Personalien, Hauptquartier und Operationsweise der islamischen Terroristen zu erwerben. Aber die Regierung Reagan bleibt von der ständigen Frage nicht verschont, was sie gegen diese Terroristen zu unternehmen gedenkt. Der Präsident hat die Terroristen gewarnt: "Wir werden zurückschlagen." Doch den Gedanken einer pauschalen Vergeltung hat er verworfen. Außenminister Shultz präzisierte sogar auf einer Pressekonferenz, die Terroristen müßten individuell zur Rechenschaft gezogen werden im Rahmen der Gesetze und des internationalen Rechts.

Das war ein weiter Weg von früheren Äußerungen, besonders für Shultz, der doch als erster und im Gegensatz zu den Militärs und zu Verteidigungsminister Weinberger vorbeugende Schläge mit militärischen Machtmitteln gegen Schlupflöcher der Terroristen empfohlen hatte, selbst wenn unschuldiges Leben dabei geopfert würde.

Eine gewaltsame Befreiung der Geiseln schied für Reagan als Alternative in dem Augenblick aus, als die Geiseln aus dem Flugzeug geschafft und in West-Beirut versteckt wurden. Am elften Tage des Dramas soll nach Aussagen eines hochgestellten Beamten im Weißen Haus die künftige Strategie festgestanden haben: "Wir wollten die Amerikaner zurück haben, und zwar in einer Weise, daß neben dem unmittelbaren Erfolg eine brauchbare und langfristige Strategie der Terrorismusbekämpfung sichtbar wird." Daher Präsident Reagans eindringliche Appelle an alle Völker, gemeinsam die Flut des Terrorismus zu bannen. Daher die Warnung an Länder, die Terroristen Hilfe und Unterschlupf gewähren, daß sie damit ihre eigene Stabilität gefährden. Daher die Vorschläge der amerikanischen Regierung für verbesserte Flugsicherheit und die Aufforderung zu einer Zusammenarbeit der Geheimdienste.