Meine Libe Herren Wohldäter! Herr Jacob, und Hr. Willhelm. Ich denke däglich an Ihnen, Morgen, und abents. Wenn ich mich aus und annzihe: aber die aldages Beinkleiter sein zerrißen ...“

Die Herren Wohltäter sind niemand anderes als die Brüder Grimm, der artige Bittsteller, der die „Hoch Geehrtesten Bibligats“ um ein „par abgelechte Beinkleiter mit untertänigstem respeckt“ ersucht, ist Dragonerwachtmeister Johann Friedrich Krause. Ein Mann von mittlerem Gardemaß (fünf Fuß, neun Zoll und zwei Strich, das sind 162,9 cm); er diente bei den Kasseler Gardes du Corps und lieferte (was wenige Märchenfreunde wissen) gegen abgetragene Beinkleider Märchen für die Sammler-Poeten aus der Romantik.

Vier Grimmschen Märchenausgaben (von 1812, 1815, 1819 und 1822) hat Albert Schindehütte ein halbes Dutzend dieser Dragoner-Poesie entnommen, sie so treulich wie kunstvoll in Faksimile und Fraktur wiedergegeben (nach den Hand-Exemplaren mit handschriftlichen Korrekturen und Anmerkungen der Brüder Grimm) und mit einer poetischen Phantasterei begleitet, die der Autor „Findemärchen“ nennt. Sie verdient, um es mit Grimmschen Worten zu sagen, Aufmerksamkeit „nicht nur der Dichtkunst wegen, die eine eigene Lieblichkeit hat“, sondern vor allem wegen Alis verrückt schönen Einfalls: Der Autor nämlich zieht „schnuddelnd und parlierend, mit Hüh und Hott und Peitschenknall“ in illustrer Begleitung der Herren Grimm in den „Goldenen Stern“ zu Breitenbach, um dort den alten Haudegen und Märchenkenner Krause aufzusuchen. „Der zierte sich anfangs ein wenig, aber die Brüder Grimm hielten schon Ohren und Federkiel gespitzt.“ Die sechs Märlein des Johann Friedrich Krause hat Schindehütte so artistisch wie skurril mit Feder, Tusche und Pinsel kommentiert: Aus zartesten Klecksen, Linien und Zeichen im unverwechselbar graphischen Rhythmus des Künstlers wachsen allerseltsamste Fabel-Geschöpfe: eine Horn spielende Raben-Schafs-Kreatur, die mit gewaltigen Schritten Abgründe überwindet. Oder der König vom goldenen Berg, jener von seinem tückischen Weib so haarsträubend Betrogene, der die Hochzeit der falschen Gemahlin mit einem Zauberschwert, das die Köpfe rollen läßt, rot und blutig zu Ende bringt. Schindehütte zeigt den Unglücklichen als ein rüsselnasiges Rachewesen mit gigantischen Maulwurfsklauen, winzigen traurigen Äuglein, einem Königsmantel wie aus Marmor gehauen und einer zentnerschweren Krone, die den Armen erdrückt.

Possierlichste Vignetten, Zeichnungen, kalligraphische Kunst-Stücke, die anmutig über viele Seiten verstreut sind – ein Fest für graphische Gourmets – machen diese Hommage für Grimm, für den hessischen Märchenerzähler im Soldatenrock und für die Heimat des Ali Schindehütte, der mit Sorgfalt und List Briefschaften, alte Dokumente, Anekdotisches, Rätselhaftes, Authentisches und Privates zusammengetragen hat, zu einem einzigartigen Märchenalbum im zweihundertsten Geburtsjahr des Jacob Grimm.

Es gibt ein Grußwort des kurhessischen „Hoof-Predigers“ Heinz Vonjahr, ein Geleitwort des wahrscheinlich gründlichsten Kenners Grimmscher Märchen, Heinz Rölleke, außerdem Briefzitate und eine Vielzahl anmutigster graphischer Schnurrpfeifereien des Zeichner-Poeten Schindehütte, der mit dieser Ausgabe auch eine 136 Seiten lange Liebeserklärung an seine Heimat Hessen in raffinierte Bilder gebracht hat.

Mehr Kunst- als ausdrücklich Märchenbuch, gewiß. Denn wem es nur um die sechs Krause-Überlieferungen geht, der kann sich aus vielfältigen Ausgaben der Kinder- und Hausmärchen die Texte heraussuchen. Freilich: in später veränderten, „geglätteten“ Fassungen. Wieweit Brentano und August Wilhelm Schlegel an diesen „Bearbeitungen“ schuld sind, kann jeder in Röllekes hervorragenden Anmerkungen zur Biographie der Grimmschen Märchen (Verlag Eugen Diederichs, 1982) ausführlich nachlesen. Nur soviel sei zitiert: 1813 schrieb Brentano an Achim von Arnim: „ich finde die Erzählung aus Treue äußerst liederlich und versudelt.“ Und Schlegel tadelt mit dem ganzen Gewicht seiner literarischen Autorität, die Herren Grimm hätten zwar unermüdlichen Fleiß gezeigt, weniger aber sei ihr Vortrag zu rühmen. Gescheiten Leuten würde zuviel zugemutet, wenn man für jeden „Trödel“ im Namen der uralten Sage Ehrerbietung erheische.

Schindehütte hat seine Sammlung ganz im Sinne der Grimms und gegen jene strenge aristokratische Literaturbetrachtung Schlegels und Brentanos inszeniert. Es sind die derben, ungestutzten, ungekämmten, wenig gehobelten Fassungen des Soldaten Krause. Ungestutzt ist nicht nur die Form; auch die martialische Moral einiger Texte mutet roh, ja erzböse an.