Von Gottfried Sello

In diesem Jahr bietet die Toskana ihren Gästen etwas Besonderes, etwas, das weit über den Rahmen des ohnehin reichhaltigen kulturellen Angebots der Region hinausgeht. Gemeint ist das sogenannte Etrusker-Projekt", verkündet der Werbeprospekt, der sich dem gehobenen internationalen Kunsttourismus andient und ihn für diesen Sommer und Herbst ins Land Etrurien lenken möchte. Ein Land, das ferne leuchtet, eine Region des europäischen Geistes, eine Idee, ein Mythos, dessen Strahlkraft und intellektuelle Attraktivität die Jahrtausende gut überstanden hat, jedenfalls, wenn man an so unterschiedliche Künstler des 20. Jahrhunderts denkt wie Giacometti, Marini und Henry Moore, die, jeder auf seine Art, den Etruskern oder dem Etruskischen verpflichtet sind.

Wo aber liegt Etrurien? Das Land läßt sich geographisch nicht genau eingrenzen, es ist nicht identisch mit der Toskana, über die es nach drei Seiten, im Westen nach Umbrien, im Norden auf die Poebene, im Süden bis nach Rom hinausgreift. Aber da man ohnehin nicht ganz Etrurien auf einer einzigen Reise sehen, erkunden, aufnehmen kann, ist nichts dagegen einzuwenden, daß sich das "Jahr der Etrusker" – so der offizielle Titel des Mammutausstellungsprogramms – ausschließlich in der Toskana abspielt. Ob die Etruskologen, die ihre neuen Erkenntnisse an den Mann und an die Öffentlichkeit bringen wollten, oder ob die Manager des Fremdenverkehrs den Einfall hatten, ein "Jahr der Etrusker" auszurufen: Es entspricht dem bombastischen Sprachgebrauch im heutigen Kulturbetrieb (wann werden wir, nach dem Jahr der Musik und dem Jahr der romanischen Kirchen ein "Jahr der Seele" mit Großveranstaltungen und Ausstellungen feiern? Die Unesco sollte das, im Interesse der Lyrik, wohlwollend in Erwägung ziehen).

Man kann das "Jahr der Etrusker" auch anders, nicht als bloßen Werbeslogan verstehen, nämlich als Hinweis auf ihre eigentümliche Beziehung zum Jahr und zur vergehenden Zeit. Sie zählten die Jahre, indem sie jeweils, wenn das Jahr zu Ende war, im Tempel der Schicksalsgöttin Nortia einen Nagel einschlugen. Jeder Nagel steht für ein abgelebtes Jahr, das dem einzelnen und der Gesamtheit das vorausbestimmte und nach einem komplizierten Ritual vorausberechnete Ende näherbringt.

Auf den Spuren der Etrusker kreuz und quer durch die Toskana: Was den Reisenden im Jahr der Etrusker erwartet, was die Veranstalter ihm abverlangen, geht weit hinaus über vergleichbare Großunternehmungen der Vergangenheit einschließlich der breit angelegten "Medici", die seinerzeit schon Hunderttausende von Besuchern anlockten. Diesmal wurde das riesenhafte Ausstellungsmaterial über die ganze Region verteilt. Florenz, wo im wiederhergestellten "Museo Archeologico" an der Piazza S. Annunziata die umfangreichste (mehr als 3000 Exponate) und wichtigste Etruskerschau stattfindet, bietet sich an als Hauptschauplatz und Ausgangspunkt für die Reise, die, wenn man das Gesamtprogramm zu absolvieren in der Lage ist, in weitere acht Städte führt: nach Volterra, Chiusi, Arezzo, Cortona, Orbetello, Massa Marittima, Populinia und Porteferraio (auf der Insel Elba).

Man muß sie nicht alle gesehen haben – ich habe auf Orbetello und Portoferraio verzichtet und bin dafür in Perugia gewesen und habe mir die neu entdeckten etruskischen Schriftstücke angesehen, unter ihnen der Über linteus, von einer Mumienbinde abgelöst: das älteste Buch der Welt.

Siena: Was wäre eine Toskanareise ohne Siena, ohne am Campo, dem schönsten aller toskanischen Piazzen, einen Wein getrunken zu haben. Die Ausstellung im "Spedale di Santa Maria della Scala", gleich am Dom, informiert über "Wohnsysteme" der Etrusker und wie man sich ihre nicht mehr vorhandenen "Häuser und Paläste" vorzustellen habe, wobei die am Wohnstil abzulesenden gesellschaftlichen Veränderungen in den Blick gerückt werden. Ohne Frage ein wichtiger und ein sehr spezieller Aspekt, der den Historiker, den Soziologen interessiert.