Von Sabine Gerbaulet

In Hessen tobt es. Anlaß ist die Einführung der Förderstufe, die bis zum August 1987 für die fünften und sechsten Klassen Pflicht wird. Seit 18 Jahren steuert man darauf zu. In diesen Tagen ist sie nun allgemeine Pflicht geworden, nachdem SPD und Grüne das „Gesetz über den Abschluß der Einführung der Förderstufe“ verabschiedet haben.

Der wiederauflebende, erbitterte Kampf der CDU gegen die geplante Veränderung ist jenseits der Landesgrenzen wohl nur schwer zu verstehen. Ist die Förderstufe in Hessen nicht schon seit langem Realität, in vielen Kreisen sogar einvernehmlich von allen demokratischen Parteien – also auch von der CDU – beschlossen und eingeführt? Hat nicht die CDU in Niedersachsen die – der Förderstufe vergleichbare – Orientierungsstufe durchgesetzt? Und gehen nicht in Berlin alle Kinder seit Jahrzehnten in eine gemeinsame sechsjährige Grundschule, an der auch die seit 1981 regierenden Christ- und Freidemokraten nicht im entferntesten zu rütteln gedenken? Zwar besuchen mehr als 60 Prozent der Fünft- und Sechstkläßler die Förderstufe, doch überwiegend in den ländlichen Schulbezirken. In Frankfurt und Kassel, in Wiesbaden, Fulda und Marburg trennen sich noch immer die Schulwege der Kinder nach der vierten Grundschulklasse.

Dieses Nebeneinander verschiedener „Systeme“ in Hessen hat einen historischen Hintergrund. Nach Abschluß der Landschulreform in den sechziger Jahren, die mit den Mittelpunktschulen (kombinierten Haupt- und Realschulen) auch auf dem Land weiterführende Schulen geschaffen hatte, sollte als nächste die gemeinsame Schule für die Mittelstufe – die Gesamtschule – eingerichtet werden. Ihr „Unterbau“ ist die Förderstufe, die deshalb auch ähnlich wie die damals neu entstandenen Gesamtschulen die Schüler in den Hauptfächern in meist drei verschiedene Leistungskurse einstufte. Nach diesem Muster wurden in den folgenden Jahren mehr als 300 Förderstufen in Hessen errichtet – an Gesamtschulen, an Grundschulen und an Mittelpunktschulen.

Als die Gesamtschulentwicklung Mitte der siebziger Jahre ins Stocken geriet, bot die hessische Schullandschaft das Bild, das weitgehend auch heute noch gilt: in den Großstädten (bis auf Darmstadt) der Übergang aus der vierten Klasse in das alte, dreigliedrige Schulwesen; im übrigen Land (mit Ausnahme einiger, weniger Kreise) die Kombination von Grundschule und Förderstufe.

Mit dieser Doppelgleisigkeit soll nun nach dem Willen der parlamentarischen Mehrheit Schluß sein. Das „Förderstufenabschlußgesetz“ macht das Modell bis zum August 1987 verbindlich für alle – also auch für die Städte. Gut 150 neue Förderstufen werden so entstehen. Als Standorte sind nur Grundschulen, Gesamtschulen und Mittelpunktschulen zugelassen. Das heißt: mit dem Inkrafttreten des Gesetzes wird es an hessischen Gymnasien fünfte und sechste Klassen nicht mehr geben.

Auch die Eltern können damit die Schule nicht mehr frei wählen. Denn wie die Grundschule erhält jede Förderstufe einen festgelegten Schuleinzugsbereich, der nur unter bestimmten Bedingungen – etwa um Latein oder Französisch als erste Fremdsprache zu lernen – umgangen werden darf.