Wissenschaftler erforschen in Kenia den Zusammenhang zwischen Verwüstung, Weidewirtschaft und Bevölkerungswachstum

Von Reiner Klingholz

Nein, normal ist das wirklich nicht", wehrt Hugh Lamprey kopfschüttelnd ab, "das ist ein Geschenk des Himmels, ein ganz ungewöhnlicher Zustand. So habe ich das Land selbst seit Jahren nicht gesehen."

Schon bald eine Stunde fliegen wir über die Chalbi-Wüste im Norden Kenias. Doch diese Wüste ist nicht wie sonst. Aus dem roten Sande sprießt, der glühend heißen Äquatorsonne zum Trotz, das Grün, soweit das Auge reicht.

Wie aus dem Nichts war das Gras nach dem Regen im Mai zwanzig, dreißig Zentimeter emporgeschossen. Der erste lange Regen seit einem halben Jahrzehnt hatte Abermillionen von Akaziensamen aus ihrem Tiefschlaf im Wüstensand gerissen und binnen weniger Wochen zu winzigen Bäumchen aufwachsen lassen.

"Normal ist das", zeigt – halb triumphierend, halb entrüstet – der Biologe und Wüstenexperte über das Cockpit seiner betagten, einmotorigen Maschine nach vorne. Dort, ein paar Meilen voraus, taucht ein häßlicher, graubrauner Schandfleck aus der Landschaft auf: Kargi. Im weiten Umkreis der wenigen Blechhütten und der etwa hundert Nomadenzelte regt sich auch nach dem Regen kein Halm und kein Strauch.

Kam liegt in dem auf den ersten Blick extrem dünn besiedelten Norden des Landes, unweit der Grenze nach Äthiopien. Der Ort gilt als überbevölkert. Bei einer Bevölkerungsdichte von gerade einem Einwohner pro Quadratkilometer (hierzulande: 250) wohnen dennoch zu viele Menschen mit zu vielen Tieren am falschen Ort.