Deutschland soll zum Nabel der Volkstanz-Welt werden, wenn ein Plan von rund 40 internationalen Touristikspezialisten aufgeht. Auftakt ist das „1. Welt-Volkstanz-Festival“ im August in Bayern.

Den Gralshütern des Volkstanzes stehen die Haare unter den Trachtenhauben zu Berge: Ein weltweiter Zusammenschluß von Fremdenverkehrskaufleuten will sich ihrer Passion annehmen und ein farbenfrohes Spektakel inszenieren. Vom 6. bis 11. August sollen sich rund 4000 Tänzer und Musiker aus aller Welt in Bayern treffen, in München und 15 bayerischen Gemeinden sollen die Tanzböden unter Samba-, Sirtaki- und Schuhplattler-Klängen beben.

Die Musi spielt in München: Tagsüber tanzen die über 100 Gruppen aus etwa 30 Ländern im Löwenbräukeller um die Wette; in der Bayernmetropole finden auch zwei Großveranstaltungen statt: am 6. August in der Olympiahalle der Eröffnungsabend und am 11. im Olympiastadion die Siegerehrung mit großer Schlußfeier. Hier gilt es, rund 48 000 Sitzplätze zu füllen, für 15 Mark je Platz. Das gewaltige Vorhaben soll mit Prominenz bewältigt werden: Max Greger übernimmt die musikalische Leitung, und Freddy Quinn, nicht gerade berühmt für seine Volkstanzkunst, die Moderation „wegen seiner internationalen Sprachkenntnisse“.

Das Projekt entstand 1981 in Rio de Janeiro bei einer Tagung der „International Travel Partners“ (ITP). Dieser Gruppe gehören Reisekaufleute aus 40 Nationen an, aus jedem Land nur einer. Das deutsche Mitglied, der Münchener Günter H. Roleff, holte das erste Festival nach Bayern; es soll, falls erfolgreich, ab 1987 jedes Jahr in einem anderen Land stattfinden, jedes vierte Jahr aber in Deutschland. Mallorca, Miami, Singapur, Chicago und Bahia sollen sich bereits um den nächsten Tänzer-Treff beworben haben.

Für diese Festivalreihe haben die ITP-Touristiker eine eigene Gesellschaft, die „Cultural Promotions International“, (CPI), gegründet und Anteilscheine zu je 3000 US-Dollar verkauft. Die CPI wiederum hat eine „Internationale Gesellschaft der Freunde des Volkstanzes“ etabliert, in der sich die Volkstänzer weltweit zusammentun sollen.

Die Kosten des bayerischen Tanzspektakels sind auf rund 1,5 Millionen Mark kalkuliert, sie sollen gedeckt werden durch den Absatz der Eintrittskarten, die Werbung, den Souvenirverkauf (bayerische Porzellan-Tanzfigur, 62 Mark) und durch Sponsoren wie den italienischen Treibstoffkonzern Agip oder die Lufthansa. Auch die Teilnehmer des Festivals werden zur Kasse gebeten, je nach Unterkunft kostet die Teilnahme pro Tag zwischen 110 und 700 Mark, einschließlich Verpflegung und Transport in Deutschland. Die Anreise geht zu Lasten der Teilnehmer, einige exotische Gruppen müssen dafür allerdings nicht viel aufwenden. Es sind Ausländergruppen, die in Deutschland leben.

Die Veranstalter erwarten auch einen Touristenandrang zu dem Festival. Aus den USA werden 2000 Besucher erwartet; deutsche Busveranstalter sollen weitere Zuschauer gen Süden bringen. Im Touristikgeschäft, bei den Provisionen für Reisen und Unterkunft, liegt denn auch der Reiz für die vierzigköpfige Internationale von Reisekaufleuten, für die der agile Roleff schon ein neues Weltereignis ausbrütet: einen Weltkongreß der Hobbyköche, der im August 1986 rund 6000 Freizeit-Witzigmänner und zwei Millionen Mark Umsatz an die Isar bringen soll.

Klaus Viedebantt