Der deutsche Ehrendoktor rangiert ziemlich hoch, er wird mit Bedacht vergeben“, glaubt Kurt Sontheimer, Politologie-Professor an der Ludwig-Maximilians-Universität in München. Ein Vorfall in seinem eigenen Fachbereich hat diesen Glauben allerdings erschüttert. Die von der Mehrheit seiner Kollegen kürzlich beschlossene Ehrenpromotion für Franz Josef Strauß hält er nicht nur für unangemessen, sondern auch noch für einen Akt „akademischer Anbiederung“. Sontheimer sieht in Strauß zwar einen „faszinierenden Gegenstand der Politischen Wissenschaft“, nicht aber einen Politikwissenschaftler. „Wo bleiben da die sonst hochgehaltenen akademischen Standards?“ empört sich der zum linksliberalen Spektrum der Universität zählende Wissenschaftler, die dem Frankfurter Philosophen Jürgen Habermas hartnäckig die Honorarprofessur verweigerte.

Es habe im Promotionsausschuß der Fakultät einige kritsche Stimmen gegeben, räumt der Dekan Professor Heinz Läufer ein, aber die überwältigende Mehrheit stand hinter dem bayerischen Ministerpräsidenten. Laufer, von dem der Vorschlag kam, freut sich, daß Strauß kurz vor seinem siebzigsten Geburtstag den sechs amerikanischen Ehrendoktoren einen ersten deutschen Dr. h. c. hinzufügen kann. Es ist der erste europäische Doktor überhaupt, denn zwei eigene Dissertationsversuche sind einmal durch den Krieg und das andere Mal – er hatte gerade ein Thema bei dem Innsbrucker Volkswirtschaftler Professor Andreae eingereicht – „durch die Große Koalition gescheitert“ (Laufer).

Sontheimer befremdet nicht nur die Auszeichnung für „einen amtierenden Politiker, der immer noch Entscheidungsgewalt hat“, sondern auch die Art, wie der Beschluß zustande kam. Er fühlt sich von der Willensbildung ausgeschlossen, auch wenn „äußerlich alles korrekt zugegangen ist“. Er wurde wie die anderen Ausschußmitglieder von Professor Laufer eingeladen, wußte aber im Gegensatz zu ihnen nicht, was oder besser: wer sich hinter dem Tagesordnungspunkt „Antrag auf Ehrenpromotion“ verbarg. Da er die Sitzung versäumte, hat er von dem neuen doctor rerum politicarum honoris causa erst aus der Presse erfahren.

Vor allem die offizielle Begründung der Universität, die die wissenschaftlichen Meriten des Ministerpräsidenten herausstellt, hält Sontheimer für einen Witz: „Dann hätte man den Mut haben sollen, ihn als Politiker auszuzeichnen.“

Daß man die „rein wissenschaftlichen Verdienste“ in den Vordergrund rückt, findet auch sein Fachkollege, Professor Paul Noack, „nicht ganz richtig“. Er habe sich jedoch mehr an die amerikanischen Kriterien für eine solche Auszeichnung gehalten, nach denen Persönlichkeiten „mit prägender Wirkung“ geehrt werden. „Ich hätte nicht für Strauß gestimmt, wenn es nicht die Ehrenpromotion zum Siebzigsten gewesen wäre. Der Mann ist schließlich am Ende seiner Karriere.“

Noack bekennt, an der Willensbildung vor der entscheidenden Sitzung des Promotionsausschusses mitgewirkt zu haben und bestätigt indirekt, was Sontheimer vermutet: Die informellen Entscheidungsstränge führten an Sontheimer vorbei. Der „Antrag auf Ehrenpromotion“ wurde erst auf die Tagesordnung gesetzt, als sicher war, daß sich eine klare Mehrheit für den bayerischen Politiker finden würde. „Sonst wäre das Risiko zu groß gewesen, denn irgend etwas dringt immer nach außen.“

Wie hält es der kühle Norden mit Ehrerbietungen dieser Art? „Das Ganze ist eine Stilfrage“, meint Hamburgs Universitätspräsident Fischer-Appelt. „Im südlichen Bereich sind die Bräuche wohl etwas weiträumiger.“

Dorothea Hilgenberg