Von Hansjakob Stehle

Wir haben schon genug zu tun, um ihn an der Soutane festzuhalten! Was würde geschehen, wenn man ihn zum Kardinal macht?" Stöhnend sagte es in Rom der Staatssekretär des Papstes zum Botschafter des Wiener Kaisers im Frühjahr 1914. Gemeint war der ukrainisch-katholische Metropolit der galizischen Hauptstadt Lemberg (Lviv), Erzbischof Andrej Graf Scheptickyj. "Es wäre besser, er würde sein eigenes Haus in Ordnung bringen statt von einer Bekehrung Rußlands zu träumen, aber Scheptickyj ist ein Idealist, der seinen Illusionen nachgeht" – so notierte der österreichische Diplomat aus einem Gespräch im Vatikan.

Tatsächlich spiegeln sich im bewegten, fast abenteuerlichen Leben dieses Kirchenfürsten (1865-1944) nicht nur seine eigenen vergeblichen Hoffnungen – von jenen auf Kaiser Franz Josef bis zu den letzten auf Josef Stalin; auch das verhängnisvolle, explosive Gemisch aus Ideen und Ideologien, aus nationalen Erwartungen und nationalistischen Verirrungen, das – nicht nur in Osteuropa – unser Jahrhundert so oft beunruhigt hat, verdichtet sich exemplarisch in der Gestalt dieses Mannes, der sogar Hitlers Krieg zuerst als nationale Befreiungstat mißverstand, um schließlich zu erkennen, daß das "deutsche Regime in einem vielleicht noch höheren Grade als das bolschewistische böse" war.

Als Scheptickyj auf einem Landschloß in Galizien geboren wurde, gehörte diese "Westukraine" zum habsburgerischen Vielvölkerreich, die Groß-Ukraine zum zaristischen Rußland – "Beute" beider Großmächte, aus der Teilung des Königreichs Polen (das einmal bis zum Schwarzen Meer gereicht hatte). Während die Landbevölkerung in Galizien überwiegend ukrainisch geblieben war, hatte sich die Oberschicht, zumal die der adligen Grundbesitzer, polonisiert. So war es für den alten Grafen Scheptickyj ein Schock, als sein Sohn Andrej plötzlich nicht mehr Pole sein, sondern – wie seine Vorfahren – Ukrainer werden, ja in einen katholischen Mönchsorden nicht der lateinischen, sondern der "unierten" (mit Rom verbundenen) Kirche des slawischen Ritus eintreten wollte. Diese hatte sich 1596 vom Moskauer orthodoxen Patriarchat getrennt und dem Papst unterstellt, doch ihre eigenständige Position innerhalb der römischen Kirche blieb stets umstritten – politisch wie religiös: die Polen wollten sie oft nur als Mittel zur Entnationalisierung der Ukrainer gelten lassen, die Päpste als eine Vorstufe "ganzer" Katholisierung, und das orthodoxe Zarenreich, in dem jeder Konfessionswechsel verboten war, sah in ihr ein raffiniertes Instrument römisch-katholischer und polnischer Unterwanderung – zumal wenn dieses Instrument nun in die Hand eines romantischen Mystikers wie Scheptickyj geriet, der 1901 – gerade 36 Jahre alt – Metropolit und Erzbischof Von Lemberg wurde.

Schon während seiner Studienjahre in Krakau und Breslau war er nach Moskau gereist, hatte mit dem russischen Religionsphilosophen Solowjow von einer in "Wechselwirkung der Liebe" vollzogenen Wiedervereinigung slawischer mit römischer Religiosität geschwärmt. Dreißig Millionen Ukrainer, die seit tausend Jahren nie einen eigenen Staat hatten, zu vereinen und durch sie das große Rußland mit der wirklich "orthodoxen" (rechtgläubigen), der Papstkirche zu versöhnen – das war die Idee, die Scheptickyj faszinierte, elektrisierte; kühn verglich er ihre Perspektiven mit "der Wirkung, die Bismarcks Idee der deutschen Einheit oder der Materialismus von Karl Marx auf den Lauf der Geschichte hatte".

Das erste scheinbare Signal zur Tat kommt 1905 aus St. Petersburg: Der Zar erläßt ein Toleranz-Edikt, das Bürgern über 21 Jahren erlaubt, katholisch zu werden. Scheptickyj bestürmt Papst Pius X., der ihm nach einigem Zögern im Februar 1908 weitgehende Vollmachten erteilt, sogar zur Einsetzung von Bischöfen und zur Bildung von Bistümern im russischen Imperium. Allerdings sollen diese Vollmachten "streng geheimgehalten" und erst angewendet werden, wenn "ein günstiger Zeitpunkt" gekommen ist. Der Papst ahnt nicht, daß der eifrige Metropolit schon Monate später auf eigene Faust handelt.

Als Handelsvertreter verkleidet, unter falschem Namen mit dem Paß eines befreundeten Rechtsanwalts, dessen Vollbartgesicht ihm ähnlich sieht, reist Scheptickyj nach Kiew, Moskau und St. Petersburg, organisiert – fast wie ein Verschwörer – katholische Sympathisanten, auch solche, die nicht aus dem religiösen Untergrund aufzutauchen wagen, weil sie Staatsbeamte sind. "Er pfiff auf unsere Gesetze und durchbrach die Vorschriften, die jedes Reisen römischer Priester regeln, und war überhaupt einer der gefährlichsten römischen Agenten", so empörte sich mit einer Polizeimentalität, die alle Regimewechsel überdauert, ein russischer Bericht 1914. Aber da war schon der Erste Weltkrieg ausgebrochen, in dem Scheptickyj eine plötzliche Chance zu erkennen glaubte.