Von Karl-Heinz Wocker

London, im Juli

Letzte Woche noch malte der kluge Economist seinen Lesern die Zukunft der EG in Farben, die auf Großbritannien eben eher optimistischen Schimmer warfen. Es müßten, hieß es da, immer nur zwei der drei großen Mitgliedstaaten zusammenarbeiten, schon sei alles in bester Ordnung. „Als die Deutschen mit den Briten gingen, wurde, was den internen Markt angeht, in sechs Monaten mehr erreicht als in sechs Jahren zuvor. Nun sieht seit einem Jahr die deutsch-französische Achse, auf der die Gemeinschaft so lange ruhte, eher abgenutzt und rostig aus. Wenn die Deutschen sich nicht stärker engagieren, braucht die Gemeinschaft statt dessen eine französisch-britische Achse.“

Träumereien an Londoner Redaktionskaminen. Ein paar Tage später waren sie verflogen. In der Opernstadt Mailand sah Margaret Thatcher nach dem letzten Akt aus wie Rigoletto, dem man sein liebstes Kind tot vor die Füße geworfen hat. Der Versuch war gescheitert, bis auf Retuschen alles zu lassen, wie es ist. Was Wunder, daß sie verärgert war. Es ist im übrigen nicht die Premierministerin allein, die sich Europa lieber ohne allzuviele Visionen denkt. In jenem Artikel des – wohlgemerkt proeuropäischen – Blattes war wie immer von der EEC, also von der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft die Rede, nicht von der EC, wie das Foreign Office die European Community korrekterweise nennt. In solch wohlgemeintem, aber irreführendem Schulterklopfen steckt die ganze Crux der britischen Politik vis-à-vis dem Kontinent.

Da war wieder die alte Devise vom Koalieren mit der jeweils stärksten Regierung in „Europa“ gegen alle anderen. Sie hätte von Palmerston im 19. oder von Pitt im 18. Jahrhundert nicht besser formuliert werden können. Auch der unverhohlene Beifall für das Kiechle-Veto zu den Getreidepreisen – bei gleichzeitig vordergründiger Entrüstung – paßt in dieses Bild: Das ist genau, was man in London gewahrt wissen möchte, nämlich den Status quo, eingeführt von de Gaulle, diesem Thatcher der Franzosen.

Natürlich wird Großbritannien die anvisierte Regierungskonferenz der Europäer nicht mit einer Politik des leeren Stuhls gefährden. Zu einem konsequenten Gaullismus made in Britain fehlt die faktische Macht. Warum die Londoner Regierungschefin nicht die Ziele dieser Konferenz in kühner Volte als identisch mit einigen der jüngsten britischen Vorschläge bezeichnet hat, verstehen ohnehin nur wenige ihrer Landsleute. Auch sie – und ihr Außenminister Howe Anfang Juni in Stresa – wollten und wollen ja vieles von dem, was die sentimentaleren Europäer im Rahmen der Europäischen Union erreichen möchten.

Aber die britischen Vorsätze sind streng pragmatisch, eng verknüpft mit den spezifischen Interessen der eigenen Nation. Sobald von kardinalen Änderungen die Rede ist, schreckt London zurück. Eine Neufassung der Römischen Verträge, in welcher Form auch immer, hätte entweder einen Gesetzgebungsvorgang im britischen Parlament zur Folge oder ein Referendum oder beides. Nun ist aber mit einer neuerlichen Zweidrittelmehrheit für den Verbleib der Insel in der Gemeinschaft, wie sie – ausgerechnet unter Labour – 1975 zustandekam, nicht mehr zu rechnen. Regierungen beider Couleur haben seither ihre Distanz zum „Europa-Laden“ überdeutlich erkennen lassen. Wilson, Callaghan, Thatcher – deren Europa-Bejahung wird man nicht mit der von Brandt, Schmidt oder Kohl vergleichen wollen. Es ist die Schuld der aufeinanderfolgenden Londoner Administrationen, daß sie nun jedes neue Bekenntnis der Bevölkerung scheuen müssen wie die Pest.