Weshalb habt ihr eigentlich Spaß daran?“ will der Urlauber von den jungen Leuten wissen. Sie sind ihm auf dem steilen Pfad begegnet, zur Mittagszeit an einem heißen Junitag. Der Mann quälte sich mit seiner Familie von unten hinauf: Sandalen an den wundgescheuerten Füßen, Beine und Arme krebsrot verbrannt, das Gesicht blaß vor Anstrengung. Ein Anblick, wie er zur Feriensaison in den Alpenregionen wohlvertraut ist. Und die drei Burschen kamen lärmend vom Talabschluß herunter: mit klobigen Stiefeln und hohen Gamaschen, Wollhemden und dicken Bundhosen, über ihre Köpfe ragten an den Rucksäcken festgebundene Ski. In dieser sommerlichen Umgebung wirkten sie so unpassend wie Schneehasen im grünen Klee.

Derart kuriose Begegnungen gibt es in der Dietlhölle sogar noch im Frühsommer. Dieses gar nicht höllische, eher romantische Seitental gehört zum Massiv des Toten Gebirges, das sich zwischen Oberösterreich und der Steiermark ausbreitet. Wenn gegen Mittag kein Wölkchen die Sonnenstrahlen behindert, nistet die Hitze zwischen den aufragenden Kalkfelsen. Mit Vorliebe wandern Urlauber gerade zu dieser ungünstigsten Tageszeit in das Tal hinein. Ihre Verwirrung ist groß, wenn ihnen plötzlich Gestalten mit winterlicher Ausrüstung entgegenkommen. Erste Reaktion ist der Griff nach dem Fernglas: „Wo gibt es denn bloß noch Schnee da hinten?!“ Zwischen den Felstürmen ist tatsächlich ein schmales weißes Band auszumachen, das sich da oben von einem Joch bis zur Waldgrenze herabzieht. Und diese Geröllrinne, oft bis Ende Juni mit Lawinenresten ausgefüllt, zählt für die Kenner butterweichen Sommerfirns zu den größten Genüssen einer im wahren Sinn des Wortes unzeitgemäßen Liebhaberei.

Lange bevor die Gletscher in den Ostalpen mit Liftanlagen überzogen wurden, hatten Einheimische in der Dietlhölle ihr verborgenes Paradies entdeckt. Selbst an schönen Wochenenden sind die Skiträger hier kaum zahlreicher als die friedlich zwischen den Latschen äsenden Gemsen. Kein Wunder, denn vor der Orgie einer Firnabfahrt über rund 1000 Höhenmeter sind nicht geringe Strapazen und (mögliche) Gefahren zu bestehen. „Weshalb habt ihr eigentlich Spaß daran?“ – so unberechtigt ist diese Frage nicht.

Die drei Burschen werden sich für ihren Spaß kaum eine Philosophie zurechtgelegt haben, sicherlich auch nicht die anderen Unzeitgemäßen in der Dietlhölle, die am liebsten einen weiten Bogen um jeden neugierigen Urlauber schlagen würden. Immerhin unterscheiden sich diese stillen Genießer in mancher Hinsicht von den unzähligen Zeitgenossen, die den Schnee ebenfalls als Fortbewegungsmittel benützen. Von den Pistenhaserln im Winter und den Gletscherflöhen im Sommer ohnehin, denen weitgehend unbekannt zu sein scheint, daß es außer Liften noch die eigenen Beine gibt, mit deren Hilfe man eine schiefe Ebene hinaufkommen könnte. In der Dietlhölle ist die sportliche Leistung eher eine – willkommene – Beigabe zu kleinen Lebensfreuden, die nur mit einer gewissen Sensibilität zu erschließen sind.

Der Aufbruch vor Sonnenaufgang geschieht allerdings eher schlaftrunken als frohgestimmt. Will man später den bestmöglichen Firn und nicht bodenlosen Sumpfschnee erwischen, sollte es vor fünf Uhr losgehen. Die gute Wegstunde bis zum ersten Schnee ist trotz der Morgenkälte ein echter Konditionstest, denn neben dem schweren Rucksack lasten noch die Tourenski auf den Schultern. Spürbare Gewichtsreduzierung bringt erst ein kurzer Aufenthalt am Bachbett, wo Weinflaschen und sonstige Zutaten für das – nach heiler Rückkehr lockende – Picknick in einer wohltemperierten Mooshöhle deponiert werden. Allmählich stellen sich die erwachenden Sinne auf die Natur ein. Die Frühaufsteher unter den Bergfinken rühren sich in den Baumkronen, bereifte Spinnennetze versperren den Weg, hoch oben verblassen die Sterne.

Bange Erwartung: Beginnt die Lawinenzunge diesmal gleich hinter dem Laubwald, oder ist sie bereits so weit abgeschmolzen, daß man erst die endlose Geröllhalde überwinden muß? Hat man Glück, geht es schon beim letzten Krüppelgehölz mit den kräftesparenden Steigfellen los. Doch bald fängt zwischen den enger zusammenrückenden Felswänden das extreme Steilstück der Rinne an. Hier heißt es, die Ski wieder an den Rucksack zu binden. In den hartgefrorenen Schnee haben Vorgänger mit den Stiefelspitzen winzige Stufen getreten. Jetzt nur nicht die Balance verlieren!

Über die Aufstiegsroute sind mit schöner Regelmäßigkeit kleine und größere Brocken verteilt. Sie rühren vom Steinschlag her, der in der Rinne erst später einsetzen wird, sobald die Sonne den Fels erwärmt. Ein rascher Blick nach oben. Gipfelwächten sind nicht mehr zu erkennen; in diesem Ofenrohr würde es kein Entrinnen geben. „Weshalb habt ihr eigentlich Spaß daran?“ Gottlob schnarcht der Urlauber noch in seinem Hotelbett; in dieser Situation würde seine Frage nicht nur das seelische Gleichgewicht durcheinanderbringen.